Börsenweisheit
Warum Märkte nie logisch reagieren

Erst zitterten Anleger vor dem Ende der Politik des billigen Geldes in den USA. Jetzt feiert die Börse den Ausstieg. Dass an den Märkten oft andere Regeln gelten als gedacht, wusste bereits der legendäre André Kostolany.
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DüsseldorfWieder einmal erwies sich die Börse als wenig berechenbar: Monatelang fürchteten Investoren, dass die US-Notenbank ihre Politik des billigen Geldes zurückfahren und den Börsen Liquidität entziehen könnte. Denn schließlich ist es vor allem das billige Geld, das die Aktienindizes rund um den Globus von Rekord zu Rekord treibt. Die Angst war entsprechend groß. Immer wieder wurde das Wann und das Wie heiß diskutiert. Und immer wenn sich eine Entscheidung ankündigte, legten die Aktienkurse den Rückwärtsgang ein.

Am Donnerstag trat das gefürchtete Ereignis dann tatsächlich ein: Der scheidende Chef der US-Notenbank Ben Bernanke kündigte den Einstieg in den Ausstieg aus der extrem lockeren Geldpolitik an. Die Fed wird den gigantischen monatlichen Kauf von US-Staatsanleihen ab Januar um zehn Milliarden Dollar auf 75 Milliarden Dollar (knapp 55 Milliarden Euro) drosseln.

Und was taten die Börsen? Sie drehten ins Plus!

Verkehrte Welt? - Nein, Investoren mögen keine Spekulationen, sie bevorzugen klare Fakten. Dass die Fed das global wirkende Stützprogramm irgendwann bremst, war schließlich lange erwartet worden. Jetzt kennen Anleger auch das Wie und Wann. Die Klarheit kam gut an. Und so ist die wichtige Nachricht hinter der Drosselung der Anleihekäufe, dass die Anreize immer noch hoch genug sind, dass sich die US-Wirtschaft nachhaltig erholen kann. Solche Überlegungen ließen die Kurse steigen.

Das Beispiel erinnert an einen weisen Spruch von Börsenaltmeister André Kostolany: „An der Börse sind zwei mal zwei niemals vier, sondern fünf minus eins“, sagte der gebürtige Ungar einst. „Man muss nur die Nerven, die Geduld und das Geld haben, das minus eins durchzuhalten.“ Börsenexperten können dieser Börsenweisheit viel abgewinnen. „Die Börse gilt vielen Menschen als irrational, weil besonders kurzfristig unlogische Entwicklungen auftreten“, sagt Christoph Bruns, Mitinhaber der Fondsgesellschaft Loys.

Das treffe auch immer wieder auf Einzelaktien zu. Bruns nennt Beispiele: Wie der Rauswurf des Vorstandsvorsitzenden Peter Löscher bei Siemens zeige, könne einen solche Personalie von der Börse bejubelt werden, obwohl auch seine Einstellung zu Kursaufschlägen geführt hatte. Firmenübernahmen würden Anleger manchmal als Glücksfall deuten, wie bei Vodafone und Mannesmann, aber in einigen Fällen auch als Katastrophe wie bei Daimler und Chrysler. Auch Mitarbeiter-Entlassungen feiert die Börse mal als Kostensenkungsmaßnahme und fürchtet sie dann wieder als Zeichen schwacher Auslastung. „Hier zeigt sich die fehlende Linearität der Börse, die André Kostolany mit seinem fünf minus eins andeutet“, sagt Bruns. „Erst wenn sich das verworrene und widersprüchliche Dickicht der Kurzfristigkeit lichtet, wird der Blick frei auf die langfristige Vernunft der Börse.“

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