Boom in Osteuropa verleiht österreichischen Aktien Schwung – Analysten erwarten weiter steigende Kurse
Börse Wien tankt Kraft im Osten

Die Börse Wien hat mit ihrer fulminanten Kursentwicklung in den vergangenen Jahren die großen Handelsplätze in den Schatten gestellt.

WIEN. Gestern notierte der Standardwerteindex ATX nur knapp unter seinem Allzeithoch von 3 050 Punkten. Damit haben sich die Notierungen in den vergangenen vier Jahren verdreifacht. Zum Vergleich: Der Deutsche Aktienindex (Dax), der damals boomte, ist noch über 40 Prozent von seinem Höchststand entfernt.

Die Erklärung für die Hausse in Wien ist das starke Osteuropa-Geschäft der österreichischen Unternehmen. Diese Region floriert, nicht zuletzt dank der Osterweiterung der Europäischen Union (EU). Analysten erwarten, dass sich die Kurse an der Wiener Börse trotz der Turbulenzen in der EU weiter gut entwickeln, wenn auch nicht in dem gleichen Tempo wie zuletzt.

Jede neue Wendung in der krisengeplagten EU wird im österreichischen Kanzleramt am Ballhausplatz ebenso mit Spannung verfolgt wie einige Ecken weiter in der Börse. Die Börse profitiert wie kein anderer Handelsplatz von der Hoffnung, die die Osterweiterung der EU geschürt hat. Analysten wie Ralf Burchert von der österreichischen Erste-Bank-Gruppe rechnen vor, dass 80 Prozent der Firmen, die im ATX notiert sind, vor allem deswegen Kursgewinne verzeichnen, weil sie in Osteuropa aktiv sind und dort die Wachstumsaussichten rosiger sind als im Westen. Wenn nun eine Krise der EU den Erweiterungsprozess im Osten in Frage stellt, dann könnten sich die Hoffnungen der österreichischen Firmen schnell in Luft auflösen. Die augenblickliche Volatilität des ATX dürfte darin eine Ursache haben.

Geprägt ist der ATX vor allem von Bankwerten, die etwa ein Drittel der Marktkapitalisierung ausmachen. An zweiter Stelle stehen Unternehmen mit zyklischem Geschäft wie etwa die Stahlverarbeiter Voest-Alpine und Böhler-Udeholm. Ihre Abhängigkeit von Rohstoffpreisen macht ein anderes Schwergewicht des ATX wieder wett: Das Energieunternehmen OMV profitiert derzeit nicht nur von seinem Ostgeschäft, sondern auch vom hohen Ölpreis, der bei den Wienern die Kasse klingeln lässt. Technologiewerte wie die Telekom Austria sind Mangelware im ATX.

Dennoch überwiegt bei den österreichischen Börsianern der Optimismus. Die Prognosen für die Entwicklung des Leitindexes liegen für dieses Jahr bei 3 200 Punkten; im nächsten Jahr sollen dann nach Einschätzung der Erste-Bank-Gruppe noch einmal 15 Prozent mehr drin sein. Damit wird zwar klar, dass die Luft dünner geworden ist – vergangenes Jahr hatte der ATX noch eine Steigerung um 57 Prozent verzeichnet. Aber Phantasie sei eben immer noch vorhanden, meint Burchert. „Die Wiener Börse ist eben keine Neuentdeckung mehr, aber sie ist ein interessanter Spieler für den Markt in Osteuropa.“

Die Börse selbst bemüht sich durch Kooperationen mit Börsenplätzen in Mitteleuropa, das nachzuvollziehen, was die bei ihr notierten Unternehmen vormachen. Ziel der Wiener ist es, in „fünf bis zehn Jahren“ eine Börsenallianz zu schaffen, die von ihrer Größe mit Börsen wie in Madrid oder Zürich mithalten kann, wie Stefan Zapotocky, Vorstandsmitglied der Wiener Börse, sagt. Derzeit ist der Handelsplatz mit einer Marktkapitalisierung von rund 75 Mrd. Euro bei 122 notierten Unternehmen gemessen an anderen Börsen in Westeuropa ein Leichtgewicht. Auch wenn nun Budapest und demnächst Warschau, Prag sowie Bratislava und Ljubljana hinzukommen, werden mittelgroße Börsenplätze wie Spanien oder die Schweiz aber immer noch eine rund viermal höhere Marktkapitalisierung aufweisen.

Diese mangelnde Größe dürfte langfristig die Entwicklung des ATX mehr hemmen als kurzfristige Verwerfungen in der EU. Für Investoren, die gern in Blöcken von 30 bis 100 Millionen Euro Einzeltitel ordern, sei in Wien zu wenig Liquidität da, stellen Investmenthäuser wie Goldman Sachs fest.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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