Chinas Börse: „Schwarzer Dienstag“ für die „xiao hu“

Chinas Börse
„Schwarzer Dienstag“ für die „xiao hu“

Angefeuert durch das rasante Wirtschaftswachstum zeigten die Kurse an den chinesischen Börsen lange Zeit steil nach oben. Die Festlandsbörsen haben sich inzwischen in einer Weise hochgeschaukelt, dass sie von einheimischen Ökonomen schon mit Spielcasinos verglichen wurden.

HB SCHANGHAI. Der „schwarze Dienstag“, an dem die Kurse um fast neun Prozent einbrachen, könnte das Ende einer historisch einzigartigen Aktien-Euphorie auf dem chinesischen Festland einläuten.

Am Tag danach herrschte Katerstimmung in Schanghai. In einem von vielen kleinen Maklerhäusern lehnt der 70-jährige Zhao Lianyang an einem öffentlichen Computerterminal, über das er seine Aktienverkäufe regelt. „Wir Kleinanleger sind geschockt. Am Anfang habe ich mir noch gar nichts gedacht. Aber am Nachmittag explodierte dann plötzlich die Bombe.“ Der Index rutschte schlagartig ab. „Da war es schon zu spät zum Verkaufen“, erzählt der ehemalige Arbeiter. Zhao hat an einem Tag umgerechnet 3 000 Euro verloren. Viel Geld für den alten Mann, der von 140 Euro Rente im Monat lebt.

Die Chinesen, die für ihre Spielfreude bekannt sind, vergleichen den Aktienmarkt gern mit Glücksspielautomaten. Diese sind in China illegal. Deshalb drängt der wachsende Mittelstand auf den Aktienmarkt. Millionen Kleinanleger, die „xiao hu“, haben ihre Ersparnisse in Aktien gesteckt. Sie hoffen auf kurzfristige Gewinne.

Aber es mangelt auch an anderen Anlagemöglichkeiten. In den Maklerhäusern wie dem „Guotai Junan“, in dem auch Zhao täglich anzutreffen ist, herrscht deshalb stets Hochbetrieb.

Die Kurse zogen lange steil an. Der wichtigste Festlandsindex legte 2006 um satte 130 Prozent zu. Großbanken feierten gewaltige Erstemissionen. Die Industrial and Commercial Bank of China (ICBC) setzte einen weltweiten Rekord für Börsengänge. Chinas Analysten glauben, dass das auch nach dem Crash so bleiben wird: „Jede Börse erlebt Auf- und Abschwünge“, sagte Teng Yin, Analyst bei der Investment-Firma Everbright Securities, der dpa.

Doch Kritiker bemängeln, der Börsenwert vieler Unternehmen sei überhöht. Chinas Großunternehmen leiden unter strukturellen Problemen. Der Vizevorsitzende des Nationalen Volkskongresses, Cheng Siwei, schätzte gar 70 Prozent der gelisteten Unternehmen als eigentlich nicht börsenfähig ein.

Die Anleger haben sich davon nicht beirren lassen. Dieses Jahr hatte sich der Boom zunächst fortgesetzt. Noch am vergangenen Montag verzeichnete die Schanghaier Börse einen Rekord: Zum ersten Mal schloss der Shanghai Composite Index über 3 000 Punkten. Aber Investmentbanken und Ökonomen hatten schon länger vor einer Überhitzung gewarnt. Cheng Siwei sprach von einer Aktienblase. Mit einer Kurskorrektur war also gerechnet worden, wenn sie auch heftiger ausfiel als erwartet. Überraschend kam auch die Kettenreaktion an den weltweiten Wertpapiermärkten.

Chinas Investoren hatten am Dienstag panisch auf Gerüchte reagiert, Peking könnte harte Maßnahmen ergreifen, um eine Blase zu verhindern. Doch Mittwoch zogen die Kurse schon wieder an, während die Weltbörsen noch mit den Folgen des Börsenkrachs kämpften. Ob die schnelle Erholung ein Zeichen von Stärke ist, oder eher den irrationalen Charakter des Aktienmarkts unterstreicht, wird sich zeigen. Eins ist seit dem „schwarzen Dienstag“ aber klar: China beeinflusst heute die Weltwirtschaft. „Wenn China niest, bekommt die ganze Welt einen Schnupfen“, heißt es nun.

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