Commerzbank-Ökonom
„In den westlichen Ländern sieht es nicht gut aus“

Der Weltwirtschaft droht kein Rückfall in die Rezession, aber der Weg aus der Krise wird noch lange dauern, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Im Gespräch mit dem Handelsblatt erklärt er, wieso es zum Schuldenabbau keine Alternative gibt, warum zwischen Deutschland und dem Rest von Europa eine gewaltige Kluft klafft und was das für Anleger bedeutet.
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Herr Krämer, die US-Wirtschaft schwächelt, die Euro-Zone und mit ihr der Euro holen seit Wochen auf. Wie nachhaltig ist dieser Trend?

Das Bild ist auf den ersten Blick eindeutig: Die Konjunkturdaten aus den USA haben in letzter Zeit enttäuscht, während die Daten aus der Euro-Zone, insbesondere aus Deutschland, leicht positiv überraschten. Viele sagen jetzt: Der Euro-Raum läuft besser als die USA und davon profitiert auch der Euro. Doch das ist ein Trugschluss.

Warum?

Die Konjunkturerwartungen für die USA kommen herunter. Auch wir haben unsere Prognose für das US-Wachstum im laufenden Jahr von 3,3 auf 2,8 Prozent heruntergenommen. Aber das ist immer noch deutlich mehr als die 1,2 Prozent Wirtschaftswachstum, die wir im Euro-Raum erwarten. Auch nach den Abwärtsrevisionen sieht es in den USA also wesentlich besser aus.

Sieht es denn auch gut aus?

Nein, gut sieht es in keinem westlichen Land aus. Angesichts der Schärfe des vorangegangenen Einbruchs sind auch Wachstumsraten um die drei Prozent im Grunde genommen enttäuschend. Wie alle Länder arbeiten sich die USA langsam aus der Krise, sie kommen dabei aber schneller voran als andere Staaten, insbesondere die meisten Europäer.

Wie groß ist die Gefahr eines Rückschlags?

Ein Double-Dip-Szenario halte ich für unwahrscheinlich, dagegen spricht schon die extrem expansive Geldpolitik in den USA. Die momentane Schwäche ist typisch für diese Phase im Konjunkturzyklus. Nachdem in der ersten Phase der Lageraufbau für starkes Wachstum gesorgt hat, laufen diese Impulse jetzt aus und das Tempo lässt nach. Der nächste Impuls kommt dann, wenn der Konjunkturzyklus die reale Wirtschaft erreicht. Dieser Prozess aus steigenden Unternehmensgewinnen, steigenden Investitionen und steigender Beschäftigung ist bereits in Gang gekommen, wenn auch noch sehr moderat. Ein Rückfall in die Rezession droht meines Erachtens nur dann, wenn die Schuldenkrise eskalieren sollte.

Zentrum der Schuldenkrise ist Europa. Machen die Euro-Staaten Fortschritte?

Die Staaten haben versprochen, ihre Defizite runterzubringen und fast alle Länder liegen im Plan oder übertreffen die Vorgaben sogar. Die Krise hat an Dramatik verloren. Das schafft Vertrauen, zumal im Hintergrund das 750-Milliarden-Rettungspaket steht. An den Anleihemärkten sieht man das deutlich, da sind die Risikoaufschläge gesunken. Und auch der Euro-Kurs spiegelt das wider. Die wirkliche Bewährungsprobe steht aber noch bevor.

Inwiefern?

In Ländern wie Griechenland wird 2011 das dritte Rezessionsjahr in Folge. Der wirtschaftliche Schmerz wächst und das zu einer Zeit, in der die Schärfe der Krise nachlässt. Die Bereitschaft, weitere Schmerzen zu ertragen, dürfte sukzessive nachlassen und mit ihr das Bekenntnis zur Konsolidierung. Allerdings müssen sich die Staaten klar darüber sein, dass es zum Schuldenabbau keine Alternative gibt.

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  • Der Schuldenabbau sollte schnellstmöglichst realisiert werden. Mich erstaunt immer wieder der langfristige Zeitraum. Denn die nächste Krise kommt bestimmt.

  • ..ich kann nur kotzen, wenn ein Chefvolkswirt die Staaten zum Schuldenabbau mahnt. Wie wäre es denn wenn die Commerzbank, ihre Schulden beim deutschen Steuerzahler mal abbauen würde ?

  • Die USA haben ein hedonisches, d.h. für unsere Verhältnisse überhöht dargestelltes biP.
    Die amerikanische Konsummentalität hat zu Privatschulden bis zur Halskrause geführt.

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