Commerzbank-Ökonom „In den westlichen Ländern sieht es nicht gut aus“

Der Weltwirtschaft droht kein Rückfall in die Rezession, aber der Weg aus der Krise wird noch lange dauern, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Im Gespräch mit dem Handelsblatt erklärt er, wieso es zum Schuldenabbau keine Alternative gibt, warum zwischen Deutschland und dem Rest von Europa eine gewaltige Kluft klafft und was das für Anleger bedeutet.
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Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer: "Der deutsche Aktienmarkt hat fundamental die besten Aussichten." Quelle: Bernd Roselieb

Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer: "Der deutsche Aktienmarkt hat fundamental die besten Aussichten."

(Foto: Bernd Roselieb)

Herr Krämer, die US-Wirtschaft schwächelt, die Euro-Zone und mit ihr der Euro holen seit Wochen auf. Wie nachhaltig ist dieser Trend?

Das Bild ist auf den ersten Blick eindeutig: Die Konjunkturdaten aus den USA haben in letzter Zeit enttäuscht, während die Daten aus der Euro-Zone, insbesondere aus Deutschland, leicht positiv überraschten. Viele sagen jetzt: Der Euro-Raum läuft besser als die USA und davon profitiert auch der Euro. Doch das ist ein Trugschluss.

Warum?

Die Konjunkturerwartungen für die USA kommen herunter. Auch wir haben unsere Prognose für das US-Wachstum im laufenden Jahr von 3,3 auf 2,8 Prozent heruntergenommen. Aber das ist immer noch deutlich mehr als die 1,2 Prozent Wirtschaftswachstum, die wir im Euro-Raum erwarten. Auch nach den Abwärtsrevisionen sieht es in den USA also wesentlich besser aus.

Sieht es denn auch gut aus?

Nein, gut sieht es in keinem westlichen Land aus. Angesichts der Schärfe des vorangegangenen Einbruchs sind auch Wachstumsraten um die drei Prozent im Grunde genommen enttäuschend. Wie alle Länder arbeiten sich die USA langsam aus der Krise, sie kommen dabei aber schneller voran als andere Staaten, insbesondere die meisten Europäer.

Wie groß ist die Gefahr eines Rückschlags?

Ein Double-Dip-Szenario halte ich für unwahrscheinlich, dagegen spricht schon die extrem expansive Geldpolitik in den USA. Die momentane Schwäche ist typisch für diese Phase im Konjunkturzyklus. Nachdem in der ersten Phase der Lageraufbau für starkes Wachstum gesorgt hat, laufen diese Impulse jetzt aus und das Tempo lässt nach. Der nächste Impuls kommt dann, wenn der Konjunkturzyklus die reale Wirtschaft erreicht. Dieser Prozess aus steigenden Unternehmensgewinnen, steigenden Investitionen und steigender Beschäftigung ist bereits in Gang gekommen, wenn auch noch sehr moderat. Ein Rückfall in die Rezession droht meines Erachtens nur dann, wenn die Schuldenkrise eskalieren sollte.

Zentrum der Schuldenkrise ist Europa. Machen die Euro-Staaten Fortschritte?

Die Staaten haben versprochen, ihre Defizite runterzubringen und fast alle Länder liegen im Plan oder übertreffen die Vorgaben sogar. Die Krise hat an Dramatik verloren. Das schafft Vertrauen, zumal im Hintergrund das 750-Milliarden-Rettungspaket steht. An den Anleihemärkten sieht man das deutlich, da sind die Risikoaufschläge gesunken. Und auch der Euro-Kurs spiegelt das wider. Die wirkliche Bewährungsprobe steht aber noch bevor.

Inwiefern?

In Ländern wie Griechenland wird 2011 das dritte Rezessionsjahr in Folge. Der wirtschaftliche Schmerz wächst und das zu einer Zeit, in der die Schärfe der Krise nachlässt. Die Bereitschaft, weitere Schmerzen zu ertragen, dürfte sukzessive nachlassen und mit ihr das Bekenntnis zur Konsolidierung. Allerdings müssen sich die Staaten klar darüber sein, dass es zum Schuldenabbau keine Alternative gibt.

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15 Kommentare zu "Commerzbank-Ökonom: „In den westlichen Ländern sieht es nicht gut aus“"

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  • Der Schuldenabbau sollte schnellstmöglichst realisiert werden. Mich erstaunt immer wieder der langfristige Zeitraum. Denn die nächste Krise kommt bestimmt.

  • ..ich kann nur kotzen, wenn ein Chefvolkswirt die Staaten zum Schuldenabbau mahnt. Wie wäre es denn wenn die Commerzbank, ihre Schulden beim deutschen Steuerzahler mal abbauen würde ?

  • Die USA haben ein hedonisches, d.h. für unsere Verhältnisse überhöht dargestelltes biP.
    Die amerikanische Konsummentalität hat zu Privatschulden bis zur Halskrause geführt.

  • @No.7: Ziemlich dämlich und undurchdacht,was Sie schreiben. Frage: Warum wird in Deutschland höhere Sozialhilfe bezahlt, als in anderen Ländern mit harter Arbeit verdient werden kann? Antwort: Weil es sehr hohe Steuereinnahmen - u.a. aufgrund des Exports - gibt. Aber ich weiß, Leute wie Sie, kann man nicht überzeugen: Frust und so...

  • Ayqinho, volle zustimmung. Genau so ist es richtig. Wenn wir hier weitermachen mit diesem verkappten Shareholder-value-Kurs, in dem nur der export vorgepeitscht werden soll, wird das ergebnis genauso sein wie in USA: Die Wirtschaft wird den Staat finanziell zugrunderichten. Wir können unsere aufgaben nicht mehr bezahlen, stattdessen wird das ganze geld für die subventionierung des Exports herausgeworfen. Und die einzigen, die am exportgeschaft wirklich profitieren, sind die Aktienbesitzer. Alle anderen zahlen die Zeche für diesen raubbau an den Arbeitnehmern, und viele rechnungen werden erst noch kommen. Daran sollten wir einmal denken, wenn wieder diese dämliche Export-Jubelpropaganda gefahren wird. 98% des volkes haben längerfristig nichts vom Export !

  • @Ayquinho: Grundsätzlich haben Sie recht, indem Sie sagen, wir brauchen einen Sozialstaat. Die begründung kann man z.b. über das "Versicherungsprinzip" herleiten. Wenn jemand "Pech" hat - und wir hatten alle schon einmal "Pech" mit irgend etwas - und z.b. in arme Familienverhältnisse hingeboren wurde oder behindert ist, greift das staatliche "Versicherungsprinzip" ein, indem der Staat als "Versicherer der letzten instanz" Unterstützung gewährleistet. Privat wäre ein derartiger "Versicherungsfall" aus verschiedenen Gründen nicht versicherbar ("Moral Hazard").

    Vollkommen falsch liegen Sie damit, daß jeder Mensch Anspruch auf denselben Anteil des Sozialprodukts hat. Ein derartiges Wirtschaftssystem würde sich ad absurdum führen, weil diese Gesellschaft ihr "Humankapital" nicht produktiv aktivieren könnte ("Anreizkompatibilität"). Der Kommunismus hat es praktisch gezeigt, daß es nicht funktioniert. im übrigen ist Verteilungsgerechtigkeit nicht operational: Was ist der Maßstab? ich kenne keinen. Wir sollten aber wenigstens dafür sorgen, daß jeder ähnlich gute "Startchancen" hat. Das Ergebnis, nämlich was jeder aus seinem Leben macht, wird immer unterschiedlich sein. Glück spielt natürlich dabei auch eine Rolle.

  • @ Kommentar 6: Keine Zustimmung.

    Es ist absolut unglaubwürdig und unverantwortlich bei einem "Reise-Nach-Jerusalem-Spiel" wie dem deutschen Arbeitsplatzmarkt dem Stehenden vorzuhalten, es sei für jeden ein Platz da, wenn er sich nur bemühe.

    ihre sozio-ökonomischen, pubertären Muskelspiele sind deplaziert und falsch.

    Unseren Sozialstaat haben wir aus gutem Grund. in Deutschland gibt es nur ein begrenztes Arbeitsplatz- und damit Verdienstmöglichkeitenangebot. Ansonsten sind wir überfüllt und die natürlichen Ressourcen sind seit dem Mittelalter mehr zu unrecht als gerecht verteilt.

    Damit die Menschen, die keine ökonimische Teilhabe inne haben ruhig bleiben, haben wir das Sozialsystem.

    Die Alternative ist nicht wie Sie suggerieren einfach die Abschaffung und die dirkete Demokratie, sondern das Gesetz des Dschungels.

    Nach meinem Rechtsempfinden gibt es keinen Handel und Häufen von grundsätzlichen Produktionsmitteln wie boden, Gewässer usw. Jeder hat Recht auf einen absolut gleichen Anteil. Da dies die Staats- und Wirtschaftsordnung wie wir sie haben aber verlangt wie es ist, hat sie die Pflicht für Ausgleich für die Zukurzgekommenen zu sorgen. Als über das Maß besitzender oder anderweitig von diesem System Profitierender haben Sie die Verpflichtung die Mittel zu leisten.

    Falls der Staat diese Umverteilung zum Ausgleich einstellt, bauen sich Spannungen auf, die ins Faustrecht führen.

    Das gegenwärtige Wirtschaftsproblem liegt nicht an der Umverteilung, sondern an der übermäßigen Gier der großen Akkumulatoren und der dabei forcierten Entfremdung von realen Größen.

  • Die Statistik ist hierzulande anders aufgesetzt. Die hohen Werte der USA werden seit vielen Jahren vor allem durch Rechentricksereien erzielt. bei einer Ermittlung nach deutschen Regeln würden die Wachstumsraten in den USA jedes Jahr ca. 1-1,5 Prozent geringer ausfallen als von der dortigen Regierung verlautbart. Was andersherum bedeutet: das deutsche Wachstum liegt derzeit deutlich über dem der USA.

    Eigentlich sollte das der Herr Ökonom Krämer wissen...

  • Zu Kommentar 6:

    Absolute Zustimmung, aber wir werden eine solche Änderung nicht mehr erleben.
    Die teutonische besitzstandswahrung läßt sich nicht einfach so abschaffen, obwohl sie ein Grundübel. Eher wird die bibel für verfassungsfeindlich erklärt.
    Das PiSA-Problem zeigt doch eindeutig, daß beamtete Lehrer nichts taugen. Lehrer müssen nach Leistung bezahlt werden und nicht nach Anwesenheit und dies gilt grundsätzlich für viele Staatsbedienstete. Nicht alle, aber viel zu viele, die sehr viel Geld kosten (Pensionsansprüche ohne je einen Cent dafür bezahlt zu haben -> bestes beispiel der Ob von Duisburg, überall nachzulesen, warum er nicht freiwillig zurücktritt)...

  • Wir müssen die Gesamtproblematik im Lande auch mal sauber analysieren:

    Auf der einen Seite leben Staatsbedienstete mit dem 10 bis 20fachen H4-Satz (=beamtenbesoldung) von Steuergeldern, die sonst selbst arbeitslos wären. insbesondere die völlig ineffizienten Arbeitsvermittler der bundesagentur, die im Vergleich zu privaten Agenturen weniger als 5% der Jobs vermitteln. Diese Leute springen mit H4lern arrogant und selbstherrlich um. Hier heisst die Lösung: sofortige Privatisierung dieser überflüssigen behörden.

    Auf der anderen Seite gibt es arbeitslose Dauer-H4ler – im Osten wie im Westen – die wollen einfach keinen Job annehmen, da man ja von H4 einigermassen leben kann. Dort heisst die Lösung eindeutig: Einstellen aller vom Steuerzahler finanzierten Leistungen.

    Und es gibt noch arbeitslose Migranten, die völlig ohne Qualifikationshürde von den staatlichen behörden in unverantwortlicher Weise ins Land gelassen wurden, weil diese weltfremden beamten dachten, die Migranten rechnen sich irgendwann mal, wenn sie sich qualifizieren und dann arbeiten. Diese Annahme war schon von Ansatz her falsch.

    Aber es gibt eine brauchbare Lösung für die heute verfahrene Situation im Lande:

    1) Verschlankung des Staates durch Abschaffung des beamtentums und Privatisierung aller hoheitsfremden und damit privatisierbaren Dienst- und Verwaltungsleistungen der behörden, dann herrscht endlich Wettbewerb.

    2) Einführung der basisdemokratie nach dem Muster der Schweiz, dann ist endlich Schluss mit all diesen Fehlentwicklungen.
    Der Freie Markt mit seinem dann individualisiertem Wettbewerb regelt das wirtschaftliche Geschehen und die basisdemokratie mit ihrer dann direkten bürgerbeteiligung regelt die notwendigen staatlichen Eingriffe: schlank und effizient.

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