Computerhandel
Maschinen verdrängen Händler

Schon bald könnten die Handelssäle von Vermögensverwaltern und Banken ganz anders aussehen als heute: voller leise vor sich hin surrender Computer statt des hektischen Treibens von Händlern. In einer Studie sagt der Computerkonzern IBM voraus, dass bis 2015 rund 90 Prozent aller Wertpapierhändler um ihren Job fürchten müssen.

mm LONDON. Auslöser ist der Trend zum so genannten Programmhandel. „Computer handeln immer öfter mit Computern“, sagt Donal Smith, Manager des Informationsdienstes Thomson Financial. Unternehmen wie Thomson oder die Nachrichtenagenturen Reuters und Bloomberg gehören zu den Profiteuren des Trends zum Programmhandel.

Beim Programmhandel trifft die Entscheidungen über Kauf oder Verkauf von Wertpapieren nicht länger ein Händler, sondern ein Rechner auf Basis komplexer Modelle, die meist von Mathematikern oder Physikern entwickelt werden. In den USA macht der auf Algorithmen basierende Handel bereits ein Drittel aller Aktientransaktionen aus – Tendenz steigend.

Zwar entfällt für Banken und Vermögensverwalter durch die Automatisierung die Notwendigkeit, Geld in teure Handelsterminals zu investieren. Für Informationsdienste wie Reuters, Thomson oder Bloomberg ist der Trend dennoch eine Chance, weil die Kunden dafür bezahlen, dass ihre Computer ständig mit möglichst aktuellen Informationen gefüttert werden. „Die Automatisierung krempelt derzeit den gesamten Handel um; für uns ist das einer der wichtigsten Wachstumsmärkte“, erläutert Reuters-Vertriebschef Mark Redwood. Um den Hunger ihrer Kunden nach immer aktuelleren Informationen zu befriedigen, lässt Thomson in den USA inzwischen Bilanzmeldungen von Unternehmen nicht mehr von Journalisten, sondern von Computern schreiben. Die Rechner schreiben so schnell, dass eine Gewinnmeldung bereits 0,3 Sekunden nach Veröffentlichung der Zahlen verfügbar ist. „Wenn Maschinen mit Maschinen handeln, dann müssen sie auch von einer Maschine informiert werden“, sagt Thomson-Manager Smith. Auf herkömmliche Journalisten will Thomson dennoch nicht verzichten, die sollen sich in Zukunft stärker der Analyse widmen, statt simple Gewinnmeldungen zu schreiben.

Auch bei der Agentur Reuters geht der Trend in Richtung Maschine. Die Nachrichtenagentur bietet Programme an, die Meldungen maschinenlesbar machen. In Zukunft sollen die Computer nicht nur Pflicht-Mitteilungen oder Statistiken, sondern auch journalistische Nachrichten verarbeiten können. Nach Angaben von Reuters-Chef Tom Glocer befindet sich die Software derzeit bei einigen Großbanken in der Testphase.

Die großen Informationsanbieter profitieren aber nicht nur vom Trend zur Automatisierung des Handels, sondern auch vom Boom an den Rohstoffmärkten und der robusten Entwicklung des Aktien- und Anleihehandels. Reuters hat als größter börsennotierter Informationsanbieter eine harte Sanierungsphase hinter sich. Inzwischen geht es wieder aufwärts. Im Sommer hat Vorstandschef Glocer eine Dividendenerhöhung angekündigt, Ende Oktober erhöhte er die Umsatzprognose für 2006.

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