Computerhandel
„Schnell sein und Hirn ausschalten“

Computer haben die Börsen erobert. Sie handeln rasend schnell, in Millisekunden. Starke Kursschwankungen gehören zum neuen Alltag. Der Mensch hält nicht mehr mit.
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FrankfurtDas leise Grundrauschen der Klimaanlage, Finger, die über Tasten fliegen - in einem modernen, neonbeleuchteten Büro in der Frankfurter Innenstadt sitzen 17 Börsenhändler vor ihren Rechnern und arbeiten. In der Stille flimmern Aktienkurse in Signalfarben über die Schirme. Per Mausklick steuern die 17 Männer und Frauen das europäische Aktiengeschäft von Allianz Global Investors - einer der größten Fondsgesellschaften Deutschlands. Im Sekundentakt bewegen sie Milliarden.

Nichts erinnert mehr an alte Zeiten, als Händler mit eingeklemmtem Schlips und Hosenträgern, wild gestikulierend und mit sich überschlagender Stimme, ihre Aufträge auf dem Börsenparkett platzierten. Wo einst Emotionen hochkochten, erwärmen sich jetzt allenfalls noch Festplatten. Aus Handelssälen sind Büros geworden, mit Mausklicks als Geräuschkulisse. Die Computer haben das Wesen des Börsenhandels verändert.

Dass Händler ihre Kauf- oder Verkaufsorders über den Computer in den Markt geben, ist seit Jahren Usus, das Frankfurter Parkett war schon lange fast nur noch Fernsehkulisse. Neu ist, dass Maschinen die Entscheidungen selber treffen. Algorithmisches Handeln nennt die Branche das: Der Rechner wird mit komplizierten Programmen gefüttert, die ihn ausrechnen lassen, wann er kaufen oder verkaufen soll. Ein Aktienhandel per Autopilot, der Kosten senken und menschliche Fehler ausschließen soll.

Mit atemberaubender Geschwindigkeit reagieren die Rechner auf Nachrichten und Daten und bringen mit ihren Orders die Kurse ins Rollen. Abrupte Richtungswechsel gehören zum neuen Alltag. Kettenreaktionen werden wahrscheinlicher, ganze Märkte können so in Minutenschnelle einbrechen. Galt früher schon ein Kursplus von zwei Prozent bei einer Aktie als „Hausse“, sorgen solche Bewegungen heute nur noch für ein müdes Lächeln bei Händlern und Anlegern. Und keiner setzt darauf, dass die Märkte künftig weniger schwanken - im Gegenteil. Ein Computer fackelt nicht lange.

„Diese Volatilität, bei der es den einen Tag um fünf Prozent runter, den nächsten Tag um fünf Prozent hoch geht, hätte es in der Vergangenheit nicht gegeben“, beschreibt Fondsmanager John Longo von der amerikanischen MDE Group den Einfluss der Maschinen. Wer mit der modernen Technik nicht mithalten kann, ist schnell raus aus dem Spiel. Private Investoren verstehen teilweise gar nichts mehr. Die Konsequenz: Sie steigen aus.

Börsianern noch gut in Erinnerung ist der so genannte Flash Crash in den USA im Mai 2010. Damals hatte ein einziger Händler über Computerprogramme Aktien im Wert von 4,1 Milliarden Dollar abgestoßen und so eine Verkaufswelle an der Wall Street ausgelöst. Binnen Minuten war der Dow Jones um rund 1000 Punkte abgestürzt, im Handelsverlauf war er um bis zu neun Prozent eingebrochen.

In den vergangenen turbulenten Wochen ist auch der Dax immer wieder für kurze Zeit stark abgesackt. Binnen zwei Monaten ist der Leitindex um mehr als 2300 Punkte nach unten gerauscht, rund ein Drittel des Börsenwertes sind verschwunden. Auch dabei spielten Computerprogramme eine entscheidende Rolle.

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  • Der Mensch hält wohl mit! Während die Maschinen Volatilität erzeugen, kann der Mensch mit dem Bollinger Band operieren, denn Volatilität heisst: "Auf und nieder, immer wieder!"

  • 1987 haben die Maschinen beim Crash 1/3 Marktkapitalisierung an einem Tag vernichtet....
    Schon vergessen ?

  • ich verstehe einfach nicht das mann dieseBörsenhändler nicht für Ihren Blödsinn bestraft. Wenn ich im Geschäft etwas mitnehme ohne es zu bezahlen werde ich von der Polizei verfolgt und bestraft. Diese Menschen dürfen scheinbar lügen, betrügen, stehlen und noch vieles mehr.

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