Das Management drängt die Finanzaufsicht, den Bietern eine Frist zu setzen
Börse will unabhängig bleiben

Die Londoner Börse hat gestern deutlich gemacht, dass sie unabhängig bleiben will. Bei der Bekanntgabe des Halbjahresergebnisses sagte das Management der London Stock Exchange (LSE), die Aufsichtbehörde solle den möglichen Kaufinteressenten eine Frist für ein offizielles Angebot setzen. Damit will die Börse die Übernahmespekulationen beenden. Sobald dies geschehen sei, werde die LSE 250 Mill. Pfund (370 Mill. Euro) an ihre Aktionäre ausschütten.

fs LONDON. Auf welche Art die Börse das Geld verteilt, hat sie noch nicht festgelegt. Chairman Chris Gibson-Smith kündigte nach Bekanntgabe des guten Ergebnisses an, „organisch und extern zu wachsen“.

Seit vergangenen Dezember interessieren sich mehrere Parteien für den größten Kassamarkt Europas. Die Deutsche Börse gehört ebenso dazu wie die Vierländerbörse Euronext; auch die australische Macquarie Bank hat sich entsprechend geäußert. Die beiden Börsen dürfen gemäß einer in dieser Woche veröffentlichten Entscheidung der Wettbewerbsbehörde nur unter strengen Auflagen bieten.

Bislang hat aber noch kein Bewerber ein formelles Angebot vorgelegt. Die Deutsche Börse hat wegen heftigen Widerstands großer Aktionäre bereits ihren Vorstandschef verloren und wagt sich kaum aus der Deckung. Auch die Euronext bleibt vorsichtig. Ihr droht Ungemach, weil die eigenen Anleger den von den Londonern geforderten Preis von deutlich mehr als 5,30 Pfund je Anteil nicht zahlen wollen. Im Umfeld der Londoner Börse rechnet man derzeit zwar nicht mehr damit, dass die Euronext ein Angebot vorlegen wird. Die ungeklärte Situation belastet jedoch das Management. Die LSE wirkt deshalb derzeit darauf hin, die Periode der Ungewissheit zu beenden. Unter anderem drängt sie die über den Zeitplan einer Übernahme entscheidende Aufsichtsbehörde dazu, möglichen Interessenten wie der Macquarie Bank enge Fristen zu setzen. „Wir versuchen, aus der Angebotsperiode herauszukommen, aber es liegt nicht an uns“, sagte Vorstandschefin Clara Furse dem Handelsblatt.

Die Unsicherheit des ersten Halbjahres wirkte sich dennoch nicht auf das Ergebnis aus. Die LSE meldete einen deutlich höheren Umsatz sowie einen um fast ein Viertel auf knapp 51 Mill. Pfund (knapp 75 Mill. Euro) gestiegenen Betriebsgewinn. Alle drei Kernbereiche trugen zum Profitanstieg bei. Fast zwei Drittel aller im ersten Halbjahr neu an Börsen notierten Unternehmen in Westeuropa kamen an die London Stock Exchange. Das gute Umfeld sorgte auch für höhere Einnahmen im Broker-Geschäft und bei der Vermietung der Terminals mit Börsen-Daten. Zudem wirkt sich die weitere Ausdehnung der elektronischen Handelsplattform aus, auf der sich auch immer mehr mittelgroße Aktien handeln lassen.

Dagegen verabschiedet sich die Börse von ihrem Projekt, außerbörsliche Derivate abzuwickeln. Nach Aufwendungen in Höhe von 23 Mill. Pfund rechtfertigt dieser Service nach Angaben von Furse keine weiteren Investitionen. Die über EDX London angebotene Derivate-Plattform bleibe jedoch bestehen.

Furse sagte, man prüfe derzeit weitere Wachstumsprojekte. Dazu könnten Kooperationen wie die mit der Johannesburger Börse gehören, welche die LSE-Handelssoftware benutzt. Übernahmen anderer Börsen seien jedoch auch nicht ausgeschlossen. „Wir können uns alle möglichen Alternativen vorstellen.“ Der Wechsel an der Spitze der Deutschen Börse kommt in London offenbar ebenfalls sehr gut an. Furse sagte über deren neuen Chef Reto Francioni: „Ich kenne ihn, und ich mag ihn.“

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