Dax im Tiefenrausch
Die große Angst der deutschen Anleger

Fast 1000 Punkte hat der Dax in sechs Wochen verloren. Der Kursrutsch bestätigt all jene Deutschen, denen die Börse viel zu gefährlich ist. Unsere Risikoscheu ist immens. Ist unsere Angst berechtigt?
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DüsseldorfDie Ukraine-Krise, der Nahost-Konflikt, die europäische Schuldenmisere – angesichts dieser Brandherde wächst die Nervosität an den Börsen. Um 500 Punkte ist der deutsche Aktienindex (Dax) binnen weniger Tage abgestürzt und hat allein in der vergangenen Woche 4,5 Prozent verloren. In dieser Woche ist der Dax sogar auf ein Fünf-Monats-Tief gefallen. Ein schmerzhafter Rücksetzer für all jene, die in Deutschlands Top-Unternehmen investiert haben. Mit dem satten Minus bestätigen sich einmal mehr die Vorurteile, die fleißige Sparbuch-Sparer und Tagesgeld-Fans gegen Aktieninvestments anführen. Die Börse, das ist ihnen ein viel zu heißes Pflaster, die Gefahr möglicher Verluste zu hoch.

Diese Einstellung ist weit verbreitet. Viele Deutsche haben der Börse in den vergangenen Jahren den Rücken gekehrt. Schlechte Erfahrungen sind der Grund. „Viele Anleger haben in den letzten 20 Jahren zwischenzeitlich teilweise große Verluste erlitten – durch Investments wie in die Deutsche Telekom, durch das Platzen der Internetblase sowie durch die kräftigen Kursrückgänge während der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise mit teilweise großen Verlusten von Zertifikaten, Stichwort Lehman-Pleite“, sagt Klaus Schrüfer, Chef-Marktstratege bei Santander Asset Management.

Mit jedem Crash ist die Zahl der Aktionäre in den vergangenen Jahren weiter gesunken. Aussitzen? Langfristig denken? Schwankungen ertragen? Fehlanzeige. Anders als in den USA fehlen den Deutschen Langzeiterfahrungen. „In den USA gibt es heute zahlreiche Familien, die zu Millionären geworden sind, weil sie über drei Generationen hinweg die ersten Belegschaftsaktien der damals neuen Brausefirma Coca-Cola gehalten haben“, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank. „Hierzulande sitzen viele mental noch auf ihren Verlusten aus den Aktien der Deutschen Telekom.“

Das Problem: Anleger nehmen einen Verlust auf ihrer imaginären Gefühlsskala zwei bis zweieinhalb Mal stärker wahr als einen Gewinn in gleicher Höhe. Natürlich ist das ein Durchschnittswert, doch er erklärt die massive Verlustaversion vieler Sparer. Lieber horten die Deutschen ihr Geld zu Minizinsen auf vermeintlich sicheren Konten, anstatt es den Turbulenzen der Kapitalmärkte auszusetzen. Doch auch wenn der Dax zuletzt ein bisschen Federn gelassen hat: Angst vor großen Einschlägen im Depot mussten Anleger in den vergangenen Jahren nicht haben.

Seit mehr als fünf Jahren geht es an der Börse aufwärts, wenn auch unter einigen heftigeren Schwankungen. Krisen hin oder her, viele Indizes wie beispielsweise der amerikanische Dow Jones, der Welt-Index MSCI Word und der deutsche MDax notieren nahe ihrer Rekordstände. Aber auch Allzeithochs lassen Anleger ängstlich werden. Sie fragen sich, wann die Börsenparty vorbei ist. Sie haben Höhenangst.

Doch die Experten geben Entwarnung. Der Dax ist ein Performanceindex, der neben den Kurssteigerungen auch die Dividenden berücksichtigt. „Dass dieser langfristig immer wieder neue Höchstmarken erreicht hat, ist nichts Neues“, sagt Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Ebenso klar ist, dass der Index immer wieder mal abstürzen wird.“

Und da niemand das Timing vorhersehen könne, sollten die Anleger darauf immer gefasst sein und gegebenenfalls die Aktiendosis beschränken. Taktisch könnten Anleger ab einem Stand von 11.000 Dax-Punkten etwas an Aktiengewichtung im Vermögen zurückfahren, sagt Ulrich Kater. „Das ändert jedoch nichts daran, dass der Dax langfristig noch viel höher steigen wird.“

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  • "U.a ist es vor allem Fondsmanager verboten physisches Gold zu kaufen."

    Das ist faktisch inkorrekt. War mal so, ist seit UCITS längst kalter Kaffee - siehe u.a. Flossbach-Fonds.

    Bei Pensionsfonds und institutionellen Anlegern entscheidet das u.a. der Anlageausschuss. Bei Deckungsstockgeldern gibt es in der Tat noch größere Restriktionen.

  • Sie haben so recht. Gold hat in den letzten zehn Jahren alle Anlageklassen deutlich überflügelt. Selbst nach der moderaten Korrektur von von den Hochs bei 1'900 USD pro Unze in Höhe von 30% bleibt unter dem Strich eine Nettorendite von über 300% seit 2003. Und in diesen ganzen 11 Jahren gab es nirgendwo ein Empfehlung von Gold. U.a ist es vor allem Fondsmanager verboten physisches Gold zu kaufen. Falls nur 1% des ungedeckten Giralgeldes in physische Edelmetalle investiert würden, würden der Silber und Goldpreis explodieren und die Finanzmärkte zusammenbrechen.

  • Selbstverständlich liest ein profitabler Privatanleger die Finanzpresse nur am Rande. Der liest Jahres- und Quartalsberichte, notiert sich den Gewinn pro Aktie, errechnet das KGV, bestimmt den Buchwert pro Aktie, das Umlaufvermögen und die gesamten Verbindlichkeiten. Die Dividendenrendite muss natürlich auch stimmen. Solche Informationen findet man in der Finanzpresse nicht. Dort werden Meinungen transportiert ohne die Fakten zu recherchieren. Das HB ist dafür ein gutes Beispiel.

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