Dekabank-Chef Waas im Interview
Zu oft den Ratingagenturen blind vertraut

Banken stecken derzeit in einer Vertrauenskrise, die sie nur mit Offenheit und Transparenz überwinden können, meint Franz S. Waas. Der Vorstandsvorsitzender der Dekabank rechnet mit weiteren Abschreibungen bei den deutschen Banken aufgrund der Subprime-Krise. Im Interview mit dem Handelsblatt erklärt er, für welche Produkte noch immer eine Ansteckungsgefahr besteht.

Herr Waas, lassen Sie uns über die Lage an den Börsen sprechen. Wann werden sich die Kurse wieder fangen?

Wir haben derzeit große Unsicherheiten darüber, wie stark die Banken und die Konjunktur von der US-Subprime-Krise tatsächlich betroffen sind. Genaueres werden wir erst dann wissen, wenn die Bilanzen der Kreditinstitute für 2007 und für das erste Quartal 2008 auf dem Tisch liegen. Dann wird sich die Lage wieder beruhigen, so dass ich im zweiten Halbjahr mit einer nachhaltigen Kurserholung rechne.

Die Zinssenkung der Fed wurde kritisiert. Was sollen die Währungshüter der EZB jetzt machen?

Die Fed hat richtig gehandelt. Es stimmt zwar, dass sie die Grundprobleme des Bankensektors über die Zinssenkung nicht löst. Aber in konkreten Stresssituationen an den Märkten ist sehr wichtig, dass die US-amerikanische Notenbank ein Zeichen setzt. Das hat sie überzeugend getan. Die EZB sieht sich einem ganz anderen Umfeld gegenüber: Sie hat es nicht mit so großen Wertpapiermärkten wie in den USA zu tun. Sie hat auch ein anderes Mandat als die Fed. Die europäische Wirtschaft steht fester da als die US-Amerikanische. Das alles lässt eine Unabhängigkeit der EZB von der Fed zu. Die Europäische Zentralbank wird sich nach den Konjunktur- und Inflationsdaten in Euroland ausrichten. Hier ist vielleicht eine Zinssenkung im Frühjahr möglich, mehr aber auch nicht.

Was machen die Fondsanleger in der jetzigen Lage?

Die meisten Anleger verhalten sich besonnen und wenden sich an ihren Berater. Eine Verkaufswelle gibt es nicht. Insgesamt sind in Deutschland vergleichsweise wenig Privatanleger in Aktien investiert. In der derzeitigen Marktsituation bieten sich auch wieder erste Einstiegsmöglichkeiten. Denn mittelfristig werden die Kurse wieder nachhaltig steigen. Bei Aktieninvestments sollte man immer langfristig denken.

Kommen wir zu den Banken. Haben wir eine Liquiditäts- oder Vertrauenskrise?

Wir haben ganz klar eine Vertrauenskrise. Denn Liquidität ist nach wie vor da, aber sie ist ungleich verteilt. Diejenigen, die die Liquidität haben, geben sie nicht her und die, die sie brauchen, kriegen sie nicht. Das größte Problem der Notenbanken ist, dass sie nicht zielgenau steuern können. Viele Banken bunkern Liquidität, weil sie nicht wissen, ob sie sie demnächst brauchen.

Woran machen Sie das fest?

Schauen Sie sich nur die Eonia-Sätze gegen die Euribor-Sätze an, die liegen historisch weit auseinander. Viele Banken geben lieber im Overnight-Markt das Geld und nehmen in Kauf, bis zu 100 Basispunkte Zinsnachteil zu erleiden. Die Overnight- Sätze liegen unter vier Prozent, Anlagen mit ein- bis drei Monaten Laufzeit liegen bei 4,80 Prozent. Niemand weiß, wie verrückt der Markt in ein paar Wochen ist. Sicherheit geht im Moment eindeutig vor Rendite.

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