Delisting: Siemens flüchtet von der Wall Street

Delisting
Siemens flüchtet von der Wall Street

Siemens sieht keinen Sinn mehr in einer Börsennotiz an der Nyse. Damit verabschiedet sich das nächste deutsche Unternehmen von der Wall Street – und dem Zugriff der SEC. Nur noch drei Dax-Konzerne bleiben in New York.
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DüsseldorfEs war nur eine Randnotiz wert: Fast beiläufig ließ Siemens mitteilen, dass sich das Unternehmen von der New Yorker Börse zurückziehen will. Nach mehr als zehn Jahren wird die Aktie von der Kurstafel der Nyse verschwinden. Damit endet ein Kapitel der Firmengeschichte, das einst mit großen Hoffnungen begann.

„Unsere Verbundenheit mit den USA und die Bedeutung des amerikanischen Marktes für Siemens bleiben unverändert groß“, beteuerte Siemens-Chef Joe Kaeser. Allerdings seien im vergangenen Jahr in den USA „deutlich unter fünf Prozent des weltweiten“ Volumens der Siemens-Aktie gehandelt worden. Der Handel werde nun einmal vor allem in Deutschland und über außerbörsliche elektronische Plattformen abgewickelt.

Als Deutschlands größter Industriekonzern im Frühjahr 2001 in New York an die Börse ging, schaute der damalige Chef Heinrich von Pierer vorbei, um die Glocke zur Börseneröffnung zu läuten. Der Schritt sollte die Aktie bei Anlegern in den USA bekannter machen. Mit dem heutigen Tag darf dies als gescheitert angesehen werden.

Siemens will durch den Rückzug Kosten sparen und die Bilanzierung vereinfachen. Die aufwändigen Berichtspflichten gegenüber der amerikanischen Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) kosten nach Schätzungen einen zweistelligen Millionenbetrag.

Hinzu kommen juristische Auseinandersetzungen mit den US-Behörden. Wegen der Schmiergeldaffäre drohten schwere Strafen in den USA. Siemens musste sich auf teure Vergleiche einlassen, da sonst unter anderem ein Ausschluss von öffentlichen Aufträgen in den USA gedroht hätte. Mit dem Abschied von der US-Börse entzieht sich der Konzern ein Stück weit dem Zugriff der US-Aufseher. Joe Kaeser bekräftigte aber gleich, dass Transparenz weiterhin oberste Priorität habe.

In den vergangenen Jahren wurde immer wieder über den Rückzug spekuliert. Im Grunde ist es erstaunlich, dass der Konzern überhaupt so lange an einem Listing festgehalten hat. Zum Schluss ging es wohl nur noch darum, zu dokumentieren, dass man die USA als wichtigen Markt und Standort betrachtet. In den USA arbeiten 15 Prozent der weltweiten Belegschaft. Ein Fünftel des Umsatzes erwirtschaftet Siemens dort. Doch der Nutzen einer Börsennotiz in den USA war überschaubar. Für Großinvestoren spielt es keine Rolle mehr, ob sie eine Aktie in New York oder in Frankfurt handeln.

Mit dem Rückzug folgt der Münchener Konzern nun dem Beispiel anderer Dax-Konzerne: Der Versicherer Allianz, die Deutsche Telekom oder Daimler haben sich in der vergangenen Jahren ebenfalls von der Wall Street verabschiedet.

Einst waren 16 Dax-Konzerne in New York gelistet. Davon bleiben künftig nur noch drei übrig: Deutsche Bank, SAP und Fresenius. Für diese drei ist ein Rückzug von der Wall Street derzeit kein Thema. Die Softwarefirma SAP und das Gesundheitsunternehmen Fresenius haben in den USA den wichtigsten Absatzmarkt. Die Deutsche Bank muss schon aus Prestigegründen am wichtigsten Finanzplatz der Welt präsent sein

Siemens will das Delisting Ende April beantragen, es soll Ende August wirksam werden. Am Vormittag treffen sich die Aktionäre von Siemens in der Münchener Olympiahalle zur Hauptversammlung. Siemens hatte im Vorfeld aktuelle Quartalszahlen vorgelegt.

Jörg Hackhausen
Jörg Hackhausen
Handelsblatt Online / Reporter

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  • @ Fat_bob_ger

    Die Vollbeschäftigung hatten Sie 1914 auch. Die Frage ist ob wir uns gerade durch ein erneutes europäisches Abenteuer bis über beide Ohren übernehmen.
    Und natürlich wäre der DAX nicht illiquide wenn das deutsche Beamten- und Bankengemauschel zum Wohle des Sparbuchs aufhören würde.

    Was vermitteln die Berufsbeamten in der Schule denn zum Thema Finanzen dem Bürger?

  • compact-magazin.com

    Mit ihrem Beitrag zeigen sie ihre Ahnungslosigkeit bezüglich der Aktienmärkte deutlich auf.

    Ohne ausländische Anleger wären die DAX Konzerne in den Weltanlagemärkten nicht existen und der DAX wäre illiquide. Deutsche haben ebenfalls im Ausland ihre Beteiligungen. Sollen sich dann die Polen/Tschechen oder Spanier darüber beschweren? Der dumme dt. Anleger kauft Festverzinsliche mit 1,2% Garantieverzinsung und wundert sich dann, warum das Vermögen reicher Anleger wächst, während seins von der Inflation gefressen wird.

    Die beste Lösung zum Vertuschen des eigenen Versagens ist der Hinweis auf eine ausländische Verschwörung. Wenn ein Ausländer in eine dt. Firma investiert, hat er ein Interesse an ihrem Erfolg, was wiederum für den dt. Arbeitnehmer und Anleger gut ist. Dank des Euros haben wir Vollbeschäftigung und sprudelnde Einnahmen. Wo ist das Problem?

  • Abschied "..... Und Zugriff durch SEC.
    Das sagt alles.
    Deutsche Bank würde bestimmt liebend gerne ebenfalls den USA den Rücken kehren.
    Beide haben ordentlich geblutet bzw. auf Deutsche Bank kommt noch einiges zu wie zu lesen ist.
    In den USA lebt es sich nicht so ungeniert wie in DE. Hier sind Strafzahlungen für Unternehmen
    auch ein Klaks gegenüber USA.

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