Deutsche Börse feiert 20 Jahre Xetra
„Wir waren nicht mehr aufzuhalten“

Vor 20 Jahren ging das elektronische Handelssystem Xetra an den Start. Es machte den Handel schneller, billiger und transparenter. Fürs Ergebnis der Deutschen Börse spielt das Segment heute aber kaum noch eine Rolle.
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FrankfurtDie Atmosphäre ist wie auf einem Klassentreffen. Viele alte Bekannte sind am Montag an der Frankfurter Wertpapierbörse zusammengekommen, um den Geburtstag von Xetra zu feiern. Sie alle waren vor 20 Jahren beteiligt, als die Deutsche Börse mit ihrem ersten vollelektronischen Handelssystem an den Start ging: Karsten Hiestermann von der hessischen Börsenaufsicht; Heinz-Jürgen Schäfer, der einst für die Dresdner Bank arbeitete und Vorsitzender im Arbeitskreis Aktien war; und Susanne Klöß, die damals für Anderson Consulting tätig war und heute im Vorstand der Postbank sitzt.

Wenn Klöß an damals zurückdenkt, funkeln ihre Augen. „Es war eine absolute Aufbruchsstimmung. Ehrlich gesagt waren wir damals ein FinTech“, erzählt sie. „Als wir gestartet sind, wussten wir nicht so ganz genau, wie wir zum Ziel kommen. Aber wir waren alle miteinander nicht mehr aufzuhalten. Wir wollten was Vernünftiges, Gutes, für den Marktplatz hinstellen.“ Ihr persönliches Motto seit dieser Zeit: „Geht nicht, gibt’s nicht.“

Mit Xetra verhinderte der Finanzplatz Frankfurt, in der zunehmend internationalen Handelswelt an den Rand gedrängt zu werden. Schon zum Start am 28. November 1997 waren unter anderem Institute aus Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz angeschlossen. Zudem wurde der Handel durch Xetra schneller, transparenter und billiger. „Es war in der Welt der Börsen ein Paukenschlag und für die Deutsche Börse ein Quantensprung“, sagt Deutsche-Börse-Vorstand Hauke Stars. „Das Projekt Xetra sollte uns daran erinnern, dass der Finanzplatz Frankfurt am stärksten ist, wenn alle Teilnehmer an einem Strang ziehen.“

Einige Zahlen dokumentieren, wie rasant sich der Handel in den vergangenen 20 Jahren entwickelt hat. Zum Start waren auf Xetra 109 Aktien handelbar, heute sind es fast 900 Aktien sowie rund 1.600 börsengehandelte Produkte wie ETFs. Der erste Xetra-DAX betrug 3.966 Punkte, heute pendelt der deutsche Leitindex um die Marke von 13.000. Und in den ersten dreieinhalb Stunden von Xetra wurden rund 3.900 Trades abgeschlossen. Heute sind es im gleichen Zeitraum rund 300.000.

„Wir sind keine PR-Veranstaltung“

Die Einführung von Xetra hat auch die Handelsüberwachung vereinfacht, wie Karsten Hiestermann von der hessischen Börsenaufsicht betonte. „Ab dann konnte man alles nachvollziehen. Man konnte jede Aktivität sehen – wer, was, wie gemacht hatte. Das war im früheren Parketthandel nicht in diesem Maß möglich.“

Auch für die Aktienkultur in Deutschland (von der Kritiker sagen, es gebe sie gar nicht) sei Xetra wichtig gewesen, sagt Martin Reck, der stellvertretende Vorsitzende der Frankfurter Wertpapierbörse. „Sie können faktisch heute von ihrem Online-Broker aus digital auf die Märkte zugreifen.“ Das sei vor der Einführung von Xetra nicht denkbar gewesen. „Da mussten Sie einen Repräsentanten auf dem Paket haben, um ihre Order hierhin transportiert zu bekommen.“ Zudem steige durch die TV-Übertragungen von der Frankfurter Börse auch in der Öffentlichkeit die Sichtbarkeit des Themas Aktie.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass die Bedeutung des Aktienhandels für die Ergebnisse der Deutschen Börse in den vergangenen Jahren kontinuierlich zurückgegangen ist. Verantwortlich dafür waren die Konkurrenz durch außerbörsliche Handelsplattformen sowie der Anstieg des Derivate-, Nachhandels- und Marktdatengeschäfts. Im vergangenen Jahr trug das Segment Xetra zu den Nettoerlösen der Deutschen Börse gerade noch sieben Prozent bei, zum Betriebsgewinn sogar nur sechs Prozent.

Doch aus Sicht von Deutsche-Börse-Manager Reck greift diese Betrachtungsweise zu kurz. „Wir sind keine PR-Veranstaltung, nur um das mal klarzumachen“, sagt er mit ernster Stimme. „Wir sind nicht der größte Teil im Geschäft der Deutschen Börse, aber durchaus ein wichtiger Teil.“ Schließlich liefere Xetra die Werte, auf denen Derivate und andere Finanzprodukte basierten. „Wir tragen jeden Tag dazu bei, dass alle Wertpapiere in Deutschland, die hier gehandelt werden, einen Preis bekommen – das ist durchaus eine wichtige Funktion.“

Andreas Kröner
Andreas Kröner
Handelsblatt / Finanzkorrespondent

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