Deutsche Börse
The Show Must Go On

Ob in Hamburg, Berlin oder München: Der echte Parketthandel ist an deutschen Börsenplätzen deutlich auf dem Rückzug. Einzig Frankfurt orientiert sich wieder an den Vorbildern jenseits des großen Teichs und poliert sein Parkett auf. Für die Rennovierung will Reto Francioni, Vorstandschef der Deutschen Börse, mehrere Millionen Euro locker machen.

FRANKFURT. Hektik, Rennerei, lautes Geschrei, Männerschweiß, Berge kleiner Zettel auf dem Fußboden und am Abend die erlösende Schlussglocke: Das ist die landläufige Vorstellung der Menschen vom Geschehen auf dem Börsenparkett. Alte Aktienhändler in Frankfurt und anderen deutschen Börsenplätzen nicken da nur traurig und schauen wehmütig über den großen Teich nach New York oder Chicago. Dort gibt es den echten Parketthandel noch, der auf Englisch so schön anschaulich „open outcry“ – also sinngemäß offener Ausruf – heißt. Hier zu Lande wird dagegen ein Börsensaal nach dem anderen geschlossen oder mutiert zu einer Art Fernsehstudio. So zieht die Berliner Börse noch diesen Sommer aus ihrem Gebäude aus, nachdem zuletzt noch zwei Renten- und ein Aktienhändler auf dem Parkett saßen. Im Grunde ist man froh, die Miete sparen zu können. Da die Präsenzpflicht der Makler abgeschafft ist, werden die Geschäfte nur noch elektronisch abgewickelt (s. Die Agonie des Parketts am Ende des Artikels). Anderswo ist es ähnlich: In München ist der Börsensaal noch Versammlungsort, zuletzt wurde dort auf einer Großleinwand WM-Fußball gezeigt. In Hamburg werden Teile des Börsensaales sogar zu einer Art Museum.

In Frankfurt und Stuttgart, wo Börsenmakler Präsenzpflicht haben, erlebt das Parkett als Hintergrund für die Börsensendungen der großen Fernsehanstalten jedoch eine Art Renaissance. So lässt sich die Frankfurter Börse den im September startenden fernsehgerechten Umbau des zuletzt 1990 renovierten Saales mehrere Millionen Euro kosten. Die TV-Anstalten sind erleichtert: „Früher wollte die Börsenführung uns Fernsehleute wirklich in ein virtuelles Studio ins neue Börsenhauptgebäude nach Frankfurt-Hausen stecken“, empört sich noch heute Deutschlands bekanntester Börsenreporter Frank Lehmann vom ARD-Sender Hessischer Rundfunk. „Die Leute wollen doch eine Börse zum Anfassen“, sagt Lehmann. Dass das Management anderer Börsen diese Einschätzung teilt, zeigt der Bau des Hauptgebäudes der US-Technologiebörse Nasdaq am Times Square in New York. Obwohl die Nasdaq im Grunde nichts ist als ein Computernetzwerk, baute sich das Unternehmen an dem prestigeträchtigen Ort ein repräsentatives Gebäude, inklusive Besucherzentrum und Fernsehstudios.

Der neue Chef der Deutschen Börse, Reto Francioni, sieht das offenbar ähnlich und will die gute Stube des 1879 eingeweihten Börsengebäudes wieder aufpolieren lassen. Um die Marke „Börse Frankfurt“ ins rechte Licht zu rücken, bekommen nun die Chefkameramänner ein Mitspracherecht bei der Auswahl der Beleuchtung, und die Reporter werden in Zukunft wieder direkt vom Parkett und nicht mehr nur von der Ballustrade berichten. Damit dort wieder etwas los ist, sollen mehr Makler aus den Nebenräumen demnächst im Hauptsaal arbeiten. Dafür könnte der eine oder andere Nebenraum wegfallen. Außerdem wird es eine Ecke geben, in der erfolgreiche Neuemissionen gefeiert werden können. So bietet man den stolzen Vorstandschefs der Börsenneulinge ein mediengerechtes Entree in die Welt der globalen Kapitalmärkte.

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