Exklusiv-Studie
Deutsche sind verärgert über Sarbanes-Oxley-Act

Exklusiv-Studie: Deutsche Firmen an US-Börsen sind verärgert. Der Sarbanes-Oxley-Act ist teuer und überflüssig – so die einhellige Meinung.

Präsident George W. Bush glaubte an eine der größten Reformen für sein Land seit den 30er-Jahren, als er den Sarbanes-Oxley-Act (Sox) unterzeichnete. Das war vor drei Jahren – das Gesetz sollte die Antwort auf Bilanzskandale bei Enron und Worldcom sein – und solche künftig verhindern.

Doch die Wirkungen des Bushschen Gesetzeswerks, das strenge Berichtspflichten der Unternehmen und Haftungsrisiken des Managements vorschreibt, reichen weit über die Grenzen der USA hinaus. Sie betreffen auch alle ausländischen Firmen, die an US-Börsen gelistet sind – davon stammen zurzeit 18 aus Deutschland – sowie die mehr als 300 deutschen Töchter amerikanischer Konzerne. De facto müssen sich auch ausländische Unternehmen diesem Corporate-Governance-System der USA unterwerfen.

Kern des Sox, der einer Wiederholung der Bilanzskandale vorbeugen soll, ist der Paragraf 404. Danach müssen Unternehmen ihr internes Kontrollsystem der Finanzberichterstattung arbeits- und kostenaufwendig dokumentieren und dessen Funktionsfähigkeit intern prüfen. Die Folge: riesige Papierberge, denn sogar E-Mails und Screenshots müssen – nach dem Ausdrucken – unterschrieben und archiviert werden. Dazu kommt: Der Vorstandsvorsitzende und der Finanzvorstand haften persönlich für die Richtigkeit der Jahresabschlüsse. Es drohen hohe Geldstrafen und bis zu 20 Jahren Haft.

Da die Europäische Union erwägt, ähnliche Regeln auch hier verbindlich vorzuschreiben, wollten es die beiden Ökonomen Georg Stadtmann und Markus Wißmann von der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung (WHU) in Koblenz genau wissen: Wie stehen die 18 an den US-Börsen gelisteten deutschen AGs zum Sox? Welche Kosten verursacht er? Und welchen Nutzen versprechen sie sich vom Sox? 16 Unternehmen haben geantwortet, so dass die Ergebnisse der Studie repräsentativ wie eindeutig sind: Über 80 Prozent der Befragten finden die heutigen deutschen Vorschriften zur Corporate Governance ausreichend und hinreichend konkret.

Was sie am Sox am meisten ärgert: die hohen Kosten. Denn obwohl etwa das deutsche Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich ähnliche Funktionen erfüllt wie der Sox, ist es für drei Viertel der Unternehmen „keine adäquate Ausgangsbasis“ für dessen Einführung. Konkret bedeuten die geringen Synergien für die meisten AGs Mehrarbeit fürs Rechnungswesen, die interne Revision, für die Rechtsabteilung und die EDV, wenn die US-Vorschriften die bisherigen ablösen.

So hat die Hälfte der deutschen Unternehmen bereits über 25 000 Stunden Mehrarbeit für die Einführung des Paragrafen 404 aufgewandt, ein Viertel sogar mehr als 50 000 Stunden. Und für die Zukunft rechnen sogar über die Hälfte (56 Prozent) noch einmal mit mindestens 25 000 Stunden zusätzlich. Je ein Drittel der Firmen hatte in der Vergangenheit bereits Kosten von mehr als fünf Millionen Euro und veranschlagt für die Zukunft noch einmal so hohe Ausgaben. Der Graphitspezialist SGL Carbon aus Wiesbaden etwa veranschlagt einmalige Kosten von drei Millionen Euro und jedes Jahr weitere drei Millionen Euro – bei einem erwarteten Gewinn von 30 Millionen Euro in diesem Jahr. Oder: Die Allianz kostet das Listing an der New York Stock Exchange jährlich 30 Millionen Euro.

Bei solch hohem Aufwand wiegen die Enttäuschungen umso schwerer. Über 80 Prozent der Unternehmen meinen, dass sie dafür – im Gegenzug – nicht mit geringeren Kapitalkosten belohnt werden wie eigentlich erhofft. „Die Vorteile sind eher marginal“, ist das Fazit der Autoren. Kein Wunder, dass 56 Prozent der Befragten den Kapitalmarkt USA immer unattraktiver finden. Die Konsequenz: Die Ersten erwägen, Wall Street den Rücken zu kehren: SGL Carbon, Allianz und Siemens. „Insgesamt erscheint der Nutzen aus dem Sox in keinem ausgewogenen Verhältnis zu den Kosten zu stehen“, so das Fazit der Wissenschaftler.

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