Experten sind sich sicher:
Konsolidierung der Börsenlandschaft steht bevor

Die Konsolidierung der europäischen Börsenlandschaft steht Brancheninsidern zufolge vor entscheidenden Monaten. Neben den Börsen Mailand und Madrid, die nach der Deutschen Börse den Schritt zur eigenen Börsennotiz wagen und sich somit Wettbewerbern für Beteiligungen und Kooperationen anbieten, sorgte ausgerechnet ein US-Unternehmen für veränderte Ausgangsbedingungen: Die Nasdaq schloss relativ überraschend ihren Europa-Ableger Nasdaq Europe und stellt nun auch ihre Beteiligung an der Nasdaq Deutschland zur Disposition. Gutes Terrain für Fusions- und Übernahmespekulationen also.

vwd FRANKFURT. Doch wohin wird die Reise gehen? Experten verweisen darauf, dass das Börsengeschäft innerhalb eines Währungsgebietes eigentlich beliebig skalierbar ist. Rund 80 Prozent der Gesamtkosten eines Börsenbetreibers seien Fixkosten, die bei einem Zusammenschluss wegfielen. Da sich für eine Fusion kaum ein stichhaltigeres Argument finden lässt, gehen die Prognosen vieler Experten davon aus, dass es in zehn Jahren nur noch ein bis drei Börsen in der Eurozone geben wird. Die Optionen seien allerdings noch nicht ganz klar, hieß es von Seiten der Analysten. Dennoch haben sich bereits einige Eckpunkte herauskristallisiert.

Deutsche Börse in komfortabler Situation

Apropos Währungsgebiet: Die London Stock Exchange (LSE), auch nach dem Scheitern des Erstversuchs lange als Objekt der Begierde der Deutschen Börse AG gehandelt, steht alleine auf Grund der Nichtzugehörigkeit zur Euro-Zone bereits abseits. Beobachter gehen deshalb davon aus, dass die LSE bei der Konsolidierung kaum eine Rolle spielen wird: „Die werden bis zur Vereinsamung auf ihre Unabhängigkeit pochen“, lästerte ein Händler.

Dagegen befindet sich die deutsche Leitbörse in einer komfortablen Situation. Sie hat mit dem Derivatemarkt durch die Tochter Eurex und der Abwicklung durch die Tochter Clearstream zwei wesentliche Punkte des Börsengeschäfts fest in ihrer Hand. Dies verschafft ihr in der anstehenden Konsolidierung eine komfortable Situation. „Niemand kann es sich leisten, mit der Deutschen Börse nicht zu reden“, brachte es ein Analyst auf den Punkt. Zudem habe die Deutsche Börse in Gesprächen dann automatisch eine gute Verhandlungsposition.

Deutsche-Börse-CEO Werner G. Seifert scheint diese Position durchaus zu genießen: „Analysten und Medien entwickeln zu wenig Phantasie“, rief er unlängst den Aktionären seines Hauses mit Blick auf Fusionsspekulationen zu. Die Deutsche Börse wolle sich nicht auf „wohlbekannte Übernahmeziele“ beschränken lassen. Seiferts Blick fasst aber eher die gesamte Wertschöpfungskette ins Auge als blankes Voluminadenken. An eine Neuauflage der Fusion LSE/Deutsche Börse in der damalig geplanten Form denken in der Branche derzeit daher nur wenige.

Schnellschüsse sind nicht zu erwarten

Eher schon ist davon auszugehen, dass sich die Deutschen einen Anteil an der Madrider oder Mailänder Börse sichern werden. Zusammen mit den Madrilenen haben sie bereits einen eigenen Informationsanbieter gegründet, mit dem sie gemeinsam den europäischen Markt für kostengünstige Finanzinformationen erschließen wollen. Diese Zusammenarbeit könnte ausgedehnt werden. Seifert ließ sich bezüglich möglicher Übernahmen allerdings nicht aus der Reserve locken. Er schließe weitere Zukäufe nicht aus, werde sich aber nicht verleiten lassen, überhöhte Preise zu zahlen.

Andeutungen, in welchen Bereichen oder Regionen Zukäufe für die Deutsche Börse von Interesse sein könnten, machte der Schweizer ebenfalls nicht. Die Akquisitionstrategie sei im übrigen langfristig angelegt, dämpfte er so Hoffnungen auf mögliche „Schnellschüsse“. Dennoch sind sich Branchenkenner einig, dass sich bei der Börsenbetreiberin demnächst etwas tun wird. Vor allem in den USA könnte sich nach dem Lösen der Kooperation mit dem CBoT eine kleinere Akquisition anbahnen. So käme die Deutsche Börse elegant an die notwendigen SEC-Zulassungen und könnte dann doch das Derivategeschäft in Eigenregie aufziehen.

Kein Generalangriff der Euronext

Das Schicksal der Nasdaq Europe zeigt eindrücklich das Dilemma, in dem kleine Börsenbetreiber stecken. Um in dem liquiditätsorientierten Geschäft zu bestehen, muss quasi in einem Gewaltakt möglichst schnell Liquidität angesogen werden. Ansonsten werden die Börsen - seien sie auch noch so innovativ - Opfer der Börsianerweisheit „Liquidität zieht Liquidität an“. Auch dem deutschen Ableger der US-Technologiebörse könnte diese Schicksal drohen: Dem Vernehmen nach laufen die Geschäfte von Nasdaq Deutschland äußerst unbefriedigend, worauf die Nasdaq ihren 50-prozentigen Anteil zur Disposition stellte.

Zwar meldete für den Nasdaq-Deutschland-Anteil prompt die Paneuropa-Börse Euronext Interesse an. Doch ob dies die Wende bringt, wird von Experten stark bezweifelt. Ob alleine eine neue Eigentümerin Dynamik bringe, sei fraglich. Zwar würde das Börsenkonglomerat damit den Eintritt in den deutschen Markt schaffen. Von einer echten Konkurrenz zur deutschen Börse gegen Brancheninsider nicht aus. Dazu seien die Volumina viel zu gering, hieß es. Von einem beabsichtigten „Generalangriff der Euronext“ könne daher kaum die Rede sein.

Spekulationen, die Euronext wolle selbst die Deutsche Börse übernehmen, entlockten Branchenkennern nur ein müdes Lächeln. Die Deutschen seien von der Marktkapitalisierung so groß wie die Euronext, der schwedische Börsenbetreiber OM und London zusammen. Allein auf Grund dieses Marktgewichts dürfte jedes Zucken der Deutschen Börse in Richtung Kooperation oder gar Akquisition von der Branche mit Argusaugen beobachtet werden.

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