Festnahme von Flash-Crash-Händler
Schwäche der Aufsicht im Fokus

Nach der Verhaftung des Börsenhändlers Navinder Singh Sarao im Zusammenhang mit dem „Flash Crash“ stehen die Aufsichtsbehörden in der Kritik. Möglicherweise war lange vor 2010 bekannt, dass Sarao die Märkte manipulierte.
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Shayne Stevenson ist Anwalt eines Whistleblowers im Fall des festgenommenen, mutmaßlichen Flash-Crash-Verursachers. Er behauptet, erst die Hinweise seines Mandanten hätten die Behörden auf die Spur Saraos gebracht. Die Möglichkeit, dass ein Einzelner die Verwerfungen ausgelöst haben könnte, hätten die Aufsichtsbehörden gar nicht erwogen.

Aufseher seien auf das Handelsgebaren von Sarao bereits 2009 aufmerksam geworden. Damals hätten Vertreter von CME Group, dem in Chicago ansässigen Betreiber des Handelsplatzes, auf dem Sarao seine problematischen Geschäfte betrieb, beobachtet, wie er Aufträge in großer Zahl platziert und widerrufen habe.

Sie hätten Sarao davor gewarnt, Aufträge in betrügerischer Absicht zu erteilen. Dies geht aus einer eidesstattlichen Erklärung hervor, die gegenüber dem amerikanischen FBI abgegeben wurde. Nach Angaben der Behörde fuhr Sarao fort, die Märkte bis März 2014 zu manipulieren.

„Wie das sechs Jahre weitergehen konnte, wenn die CME offenbar davon Kenntnis hatte, das bereitet mir regelrecht Kopfzerbrechen“, sagte Dave Lauer von der Lobbying- und Researchfirma Kor Group in Beverly Hills im US-Bundesstaat Kalifornien. „Es ist in etwa das einfachste Szenario, und sie haben so lange gebraucht, um etwas zu unternehmen.“

Nach Angaben des FBI hatten Börsenbetreiber in den USA und Europa, darunter CME, beobachtet, dass Sarao möglicherweise die Märkte manipulierte. Sie setzten dessen Broker davon in Kenntnis. Daraufhin teilte Sarao seinem Broker mit, er habe sich bei CME gemeldet und ihnen sinngemäß mit dem Zitat des Götz von Berlichingen geantwortet, heißt es in der eidesstaatlichen Erklärung dazu.

Ein möglicher Grund dafür, dass Saraos Aktivitäten den Aufsehern verborgen blieben, könnte nach Angaben des ehemaligen Chefökonomen der US-Terminmarktaufsicht Commodities Futures Trading Commission (CFTC), Andrei Kirilenko, darin begründet sein, dass die Aufseher unvollständige Daten untersuchten. Kirilenko war Mitautor des Berichts.

In einem Interview sagte Kirilenko, mittlerweile Professor an der Sloan School of Management, die CFTC und die US-Börsenaufsicht SEC hätten ihr Augenmerk in erster Linie auf abgeschlossene Transaktionen gerichtet. Diese hätten nicht jene der zahlreichen Aufträge erfasst, die Sarao in betrügerischer Absicht erteilt und kurz darauf storniert hatte.

Diese auch als 'Spoofing' bekannte Handelsstrategie sei nicht einmal Bestandteil der CTFC-Analyse beim Kursrutsch gewesen, sagte James Moser, Finanzprofessor an der American University, der im Mai 2010 bei der CFTC kommissarisch als Chefökonom arbeitete.

Die Prüfung im Zusammenhang mit dem Flash Crash sei die erste gewesen, bei der die Behörde das umfangreiche Orderbuch der CME durchforstet habe, sagte Moser in einem Interview. Spoofing sei 2010 nicht weit oben gestanden auf der Liste jener Themen, denen sie Beachtung schenkten, führte Moser weiter aus. Er ergänzte, dass er Zweifel daran habe, dass die Aktivitäten von Sarao die Hauptursache für den Kursrutsch gewesen seien.

Der für Überwachung bei der CFTC zuständige Direktor Aitan Goelman sagte am Dienstag in einer Telefonkonferenz mit Journalisten, Sarao habe einen erheblichen Faktor für die Ungleichgewichte am Markt dargestellt. Sarao soll sogenannte E- mini-Futures auf den S&P 500 Index gehandelt haben. Diese Terminkontrakte sind exklusiv von der CME Group gelistet.

Am Mittwoch sagte der CFTC-Vorsitzende Timothy G. Massad, die zeitliche Verzögerung zwischen der Analyse 2010 und der Verhaftung in dieser Woche sei der Komplexität der Märkte geschuldet. „Viele Faktoren haben ursächlich zu dem Flash Crash beigetragen“, sagte Massad vor Journalisten in Chicago. „Manchmal erfordert es viel Zeit, bis diese Fälle zusammengetragen werden.“

Agentur
Bloomberg 
Bloomberg / Nachrichtenagentur

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