Finanz-Tsunami
„Am Ende muss sich der Markt auskotzen“

Eine Rettungsaktion schlägt fehl: Wie die Wall Street einen Finanz-Tsunami entfacht, der in nur 24 Stunden einmal um die Welt rauscht.

HB NEW YORK. Sonntag. Wochenenden in Manhattan gehören den Touristen. Die Wall Street ist wie leergefegt, nur einige Pärchen schießen Erinnerungsfotos vor der New Yorker Börse, gerne reitend auf der Bullen-Statue. Dieser Sonntag ist anders, es tobt der Bär: Die Polizei sperrt jenes Gebiet ab, in dem gerade ein weltwirtschaftliches Erdbeben losgetreten wird: Bankmanager in schwarzen Limousinen fahren vor, das "Who is Who?" macht Überstunden. "Das hier geht jeden an", hat US-Finanzminister Henry Paulson die Männer schon am Freitagabend ins Gebet genommen.

Samstagmorgen um neun kommen die Bankenchefs erneut zusammen. Sonntagfrüh ist die britische Barclays-Bank die letzte Hoffnung für Lehman Brothers. Bob Diamond, ihr oberster Investmentbanker, ist aus London eingeflogen. Die Bank of America ist da schon raus, sie hat sich für den nächsten Wackelkandidaten Merrill Lynch entschieden und gibt am Nachmittag Übernahmegespräche bekannt. Weil sich Paulson weigert, wie bei Bear Sterns Steuergeld zu investieren, springt Barclays ab. Das Spiel ist aus: Lehman Brothers ist pleite, Merrill Lynch notverkauft, die Finanzwelt unter Schock - und das alles an einem Wochenende: "Meine Güte", stöhnt Peter Peterson, Mitgründer der Private-Equity-Firma Blackstone: "Ich bin 35 Jahre im Geschäft, aber das sind die außergewöhnlichsten Ereignisse, die ich je gesehen habe." - Jetzt rauscht der neue Finanz-Tsunami in 24 Stunden einmal um die Welt.

TOKIO. Japan bleibt vorerst trocken. Wegen eines Feiertags ist Tokios Börse geschlossen - wie auch die in Schanghai. Glück gehabt.

DUBAI. Um 28 Prozent sind die Kurse an den Börsen in Dubai und Riad seit Jahresbeginn abgesackt - aber nicht wegen "Subprime". Am Persischen Golf schwächelt bloß die Konjunktur. Am Montag dominiert "business as usual". "An den großen arabischen Familien-Investoren geht die US-Krise vorbei", sagt Ingmar Burgardt von der BHF-Bank in Abu Dhabi. Höhere Unternehmensgewinne im dritten Quartal - und der Trend werde wieder drehen. Lehman ist weit weg.

MOSKAU. Der Mann mit der schwarzen Hornbrille erinnert an den Komiker Peter Sellers. Doch was Alexander Schochin, Chef des russischen Unternehmerverbandes, Kremlchef Dmitrij Medwedjew sagt, ist gar nicht komisch: "Die Börse fällt, Kapital flieht, es gibt einen schlimmen Liquiditätsengpass im Bankensystem, die Rohstoffpreise geben nach und der Inflationsdruck steigt." Russlands Politik könnte sich als "nicht angemessen" herausstellen, fügt Schochin hinzu. Live im Staatsfernsehen. Da ist es 15.00 Uhr in Moskau, die Börsenkurse purzeln um bis zu fünf Prozent, und die Männer, die sich mit Schochin in einem der Zarensäle im Kreml um ihren Präsidenten geschart haben, werden gerade immer ärmer. Stahlmagnat Alexej Mordaschow hat seit August drei Milliarden Dollar verloren - um soviel ist der Wert seines Stahlkonzerns Sewerstal seither geschrumpft. Auch wenn ihm immer noch 20 Milliarden Dollar übrig bleiben - weh tut's schon. Dass Präsident Medwedjew schon am Freitag über die Zentralbank 14 Milliarden Dollar in den darbenden Markt pumpte, hilft nun auch nicht mehr.

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