Finanzkrise
Die Wall Street bekommt Angst

Die Finanzkrise weitet sich aus: Angesichts massiver Vertrauensverluste an den Kreditmärkten sind nicht nur die Werte der Investment- und Kreditportfolios weiter unter Druck, auch das klassische Investment-Banking bekommt die Auswirkungen der Krise zu spüren. Bankexperten rechnen mit weiteren Milliardenlasten - und prognostizieren eine Entlassungswelle.

NEW YORK. Der Beinahe-Kollaps von Bear Stearns hat auch die anderen Investmentbanken an der Wall Street unter Druck gesetzt. Die ohnehin schon geschwächten Aktienkurse sind an den Börsen weiter gesunken. Grund dafür ist die wachsende Unsicherheit der Anleger über die finanzielle Verfassung der Banken. Weitere Aufschlüsse über die tatsächliche Lage erhoffen sich die Investoren von den Quartalsergebnissen der Branche in den nächsten Tagen.

Bereits jetzt ist jedoch erkennbar, dass Bear Stearns nur das wackligste der Wall-Street-Häuser ist. Probleme hat inzwischen selbst der Brancheprimus Goldman Sachs. Analysten haben ihre Ergebniserwartungen für die Bank massiv nach unten korrigiert und rechnen jetzt mit einem Gewinneinbruch von rund 60 Prozent in den ersten drei Monaten des neuen Geschäftsjahres. Die Aktie von Goldman ist in diesem Jahr um fast 30 Prozent abgesackt.

Alarmstimmung herrscht auch bei Lehman Brothers. Die Bank will nach unbestätigten Meldungen weitere 1 400 Stellen oder fünf Prozent ihrer Belegschaft abbauen. William Tanoma, Bankanalyst bei Goldman, sagt für den Konkurrenten Abschreibungen in Höhe von 3,5 Mrd. Dollar im ersten Quartal voraus. Fast elf Mrd. Dollar hat Morgan Stanley bislang abgeschrieben. Im ersten Quartal könnten nach vagen Schätzungen der Experten noch einmal zwischen zwei Mrd. und sechs Mrd. Dollar dazukommen. Die gewerkschaftsnahe CtW Investment Group will Konzernchef John Mack deshalb auf der kommenden Hauptversammlung im April die Kompetenzen beschneiden und ihm einen unabhängigen Verwaltungsratschef vor die Nase setzen.

Dass die Finanzkrise jetzt auch die Trutzburgen der Wall Street erfasst hat, liegt vor allem an dem massiven Vertrauensverlust auf den Kreditmärkten. Dadurch sind nicht nur die Werte der Investment- und Kreditportfolios weiter unter Druck geraten, sondern auch das klassische Investment-Banking bekommt die Auswirkungen der Krise zu spüren. Nach Angaben der Markforscher von Dealogic sind die Gebühreneinnahmen im Kerngeschäft seit Jahresbeginn um die Hälfte gesunken. Auf dem Markt für Fusionen und Übernahmen herrscht nahezu Friedhofsruhe. Nach einem Bericht des "Wall Street Journal" arbeiten einige Banker an der Wall Street nur noch zwei Tage die Woche. Die anrollende Entlassungswelle kann nach Schätzungen von Bankern bis zu 20 Prozent der Mitarbeiter betreffen.

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