Finanzkrise
Kreditkrise greift auf die Golfstaaten über

Die globale Finanzkrise hat auch die ölreichen Staaten am Persischen Golf immer stärker im Griff. Die regionalen Börsen stürzen ab. Zwar schnüren Kuwait und Saudi-Arabien Rettungspakete, aber ein koordiniertes Krisen-Management fehlt.

DUBAI. Am Sonntag musste die Zentralbank von Kuwait der Gulf Bank unter die Arme greifen, die wegen hoher Verluste im Derivate-Handel ins Schlingern geraten war. Die kuwaitische Regierung kündigte daraufhin staatliche Garantien für alle Einlagen bei inländischen Finanzhäusern an. Saudi-Arabien pumpte umgerechnet rund 2,6 Milliarden Dollar in die Saudi Credit Bank, die vor allem zinsfreie Darlehen an Bürger mit geringem Einkommen vergibt.

Regierung und Zentralbank der Vereinigten Arabischen Emirate hatten bereits einen Rettungsschirm von etwa 33 Milliarden Dollar für lokale Finanz-Institute aufgespannt. In einer Erklärung des Golf-Kooperationsrats vom Samstag hieß es: "Der Rückgang der Wirtschaft in Europa und den USA wird einen negativen Effekt auf die Zahlungsbilanz in den Golfstaaten haben." Bislang gibt es jedoch kein koordiniertes Krisen-Management in der Region, sondern nur nationale Antworten.

Die direkten Auswirkungen der Finanzkrise sind am Golf zwar begrenzt. Nach Berechnungen verschiedener Institute haben die lokalen Banken lediglich vergiftete US-Papiere in Höhe von insgesamt drei Milliarden Dollar gekauft. Aber der globale Finanz-Tsunami macht sich indirekt in Form von Liquiditäts-Engpässen bemerkbar. Die Zentralbank in Abu Dhabi schätzt, dass ausländische Investoren zwischen 40 und 50 Milliarden Dollar aus dem regionalen Markt abgezogen haben. Dieses Geld wurde zum großen Teil in Dollar-Vermögen umgeschichtet, um Verluste an den US-Börsen auszugleichen.

Die Einlagen der Golf-Banken schmolzen daher immer weiter ab. Infolgedessen kletterte die dreimonatige Interbankenrate in den Emiraten von 1,9 Prozent Ende Juni auf mehr als 4,6 Prozent. Folge: Die Refinanzierung von laufenden Darlehen wurde teurer. Das trifft vor allem die Immobilien-, Infrastruktur- und Kraftwerks-Projekte am Persischen Golf, die sich auf rund 2,5 Billionen Dollar belaufen.

Auch die regionalen Börsen geraten verstärkt in den internationalen Abwärtssog. Alle Handelsplätze rutschten gestern in den Keller, die größten Verlierer waren Katar und Oman mit einem Minus von 8,93 bzw. 8,29 Prozent. "Das ist in erster Linie ein zeitverzögerter Reflex auf den schwarzen Freitag an den internationalen Börsen", sagt Ingmar Burgardt von der BHF-Bank in Abu Dhabi. Den größten Absturz seit Jahresbeginn verzeichneten Riad (minus 50,51 Prozent) und Dubai (minus 47,70 Prozent). Hinter der Talfahrt in Dubai steckt hauptsächlich die Angst vor einem Platzen der Immobilienblase.

Die Glitzer-Metropole hatte in den vergangenen Jahren einen beispiellosen Bau-Boom erlebt. Wegen des knappen Angebots und der Politik des billigen Geldes schossen die Wohnungs- und Häuserpreise innerhalb von zwölf Monaten um bis zu 80 Prozent nach oben. Das ermunterte die Bau-Firmen, ein Areal nach dem anderen hochzuziehen. Die Rating-Agentur Moody?s schätzt, dass Dubai Verbindlichkeiten in Höhe von 48,5 Milliarden Dollar aufgetürmt hat - das sind 103 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts. Allein das staatlich kontrollierte Entwicklungs-Unternehmen Nakheel habe bis zu acht Milliarden Dollar an Fremdkapital aufgenommen. "Im kommenden Jahr werden rund 3,5 Milliarden Dollar fällig - es wird nicht einfach, die Mittel hierfür auf dem Markt zu bekommen", meint Philipp Lotter, Senior Vice President von Moody?s in Dubai.

Trotz der globalen Finanzkrise wollen Experten von einem Horror-Szenario nichts wissen. Nach Berechnungen des Institute of International Finance in Washington wachsen die Vereinigten Arabischen Emirate 2008 um 7,2 Prozent nach 6,1 Prozent im Vorjahr. Für 2009 taxiert die Banken-Vereinigung eine Rate von 6,0 Prozent Die größte Trumpfkarte der Golfstaaten sind jedoch prall gefüllte öffentliche Kassen und eine Reihe von kapitalstarken Staatsfonds als mögliche Feuerwehr. So wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Emirate für dieses Jahr auf rund 270 Milliarden Dollar veranschlagt. Der Haushaltsüberschuss bewegt sich demnach bei etwa 30 Prozent des BIP, die Leistungsbilanz bei einem Plus von 23 Prozent. Auch der Preisverfall bei den Rohstoffen kann die nationalen Budgets einstweilen nicht gefährden. Die meisten Regierungen haben auf der Basis eines Ölpreises zwischen 40 und 50 Dollar pro Barrel kalkuliert. "Erst unterhalb dieser Schwelle wird es ernst", meint der Top-Manager einer großen westlichen Bank.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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