Finanzkrise
„Selbstregulierung reicht nicht“

Um die Schwächen des Finanzsystems zu beheben, ist eine striktere Finanzaufsicht vonnöten, meint Wall-Street-Veteran Gerald Corrigan. Im Handelsblatt-Interview spricht der Risikomanager von Goldman Sachs und frühere Notenbanker über die Ursachen der Krise, mögliche Lehren aus dem Debakel und die neue Finanzwelt nach der Krise.

Handelsblatt: US-Finanzminister Henry Paulson glaubt, dass das Schlimmste der Finanzkrise hinter uns liegt. Wie sehen Sie das?

Gerald Corrigan: Wir haben in den letzten vier bis fünf Wochen deutliche Anzeichen gesehen, dass die Kreditmärkte eine gewisse Stabilität zeigen. Selbst in einigen Segmenten des Hypothekenmarktes hat sich die Lage etwas normalisiert. Auch der Markt für stark gehebelte Übernahmefinanzierungen (Leveraged Finance Market) macht Fortschritte.

Die Banken können aufatmen?

Bemerkenswert ist doch, wie stark sich die Finanzinstitutionen in den vergangenen Monaten mit frischem Kapital versorgt haben. Diese Rekapitalisierung ist eine sehr willkommene Entwicklung.

Ist die Krise vorüber?

Für übertriebene Euphorie ist es noch zu früh. Es gibt immer noch Bereiche mit erhöhten Risiken. Das größte Risiko liegt vielleicht in der Unsicherheit über die Konjunkturentwicklung.

Sie rechnen mit einer Rezession in den USA?

Ich weiß nicht, ob wir uns in einer Rezession befinden oder nicht. Wenn es jedoch zu einem kräftigen Abschwung kommt, könnte dies ungünstige Folgen für den Finanzsektor haben, insbesondere wenn die Zahlungsausfälle von Unternehmen ansteigen. Ich persönlich glaube aber, dass die Chancen für einen kurzen und leichten Konjunkturabschwung gut sind.

Kann man das auch auf dem Markt für Credit Default Swaps (CDS) erkennen, wo die Risiken für Zahlungsausfälle von Firmen gehandelt werden?

Wenn es darum geht, wie der Markt das Risiko von Zahlungsausfällen bewertet, dann hat sich die Lage in den vergangenen sechs Wochen verbessert. Insbesondere bei den Finanzinstituten sind die Risikoaufschläge seit der Bear-Stearns-Krise deutlich gesunken.

Aber damit haben wir den CDS-Markt noch nicht im Griff?

Nein, das ist nur ein Teil des Problems. Wenn es darum geht, die richtige Infrastruktur für CDS und für andere Derivative zur Verfügung zu stellen, die außerhalb der Börsen gehandelt werden, gibt es noch viel zu tun. So haben wir noch immer kein allgemein anerkanntes Abwicklungsprozedere, wenn ein wichtiges Finanzinstitut zahlungsunfähig wird. Bislang hat es nur Ad- hoc-Vereinbarungen gegeben.

Sie arbeiten seit 40 Jahren an der Wall Street und haben in einem Bericht schon 2005 vor den Schwächen des Finanzsystems gewarnt. Warum war die Wall Street dennoch so schlecht für die aktuelle Krise gewappnet?

Fairerweise muss man sagen, dass einige Reformvorschläge umgesetzt wurden. Zum Glück. Andernfalls wären die vergangenen neun Monate noch viel schlechter verlaufen. Ich muss jedoch einräumen, dass viele Dinge nicht in ausreichendem Maß verbessert worden sind. Das ist für mich persönlich und beruflich sehr frustrierend.

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