Finanzmärkte
Wall Street, die Straße der Tyrannen

In der Wall Street treffen jeden Tag die Herrscher der Welt aufeinander: Hier verwandeln Börsenhändler Zahlen mit vielen Nullen in Schicksale von Menschen, Ländern und Kontinenten. Wissen sie, was sie tun?
  • 5

Berlin, 12. September 2011, 19.20 Uhr. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sitzt im ZDF-Hauptstadtstudio und schließt die Augen. Er wirkt erschöpft. Wenige Stunden zuvor hat Wirtschaftsminister Philipp Rösler eine Insolvenz Griechenlands ins Gespräch gebracht. Auf die Frage, ob das eine gute Idee gewesen sei, antwortet Schäuble, man dürfe die Nervosität der Finanzmärkte nicht noch verstärken. Am nächsten Morgen sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel im Radio: „Was wir nicht brauchen können, ist Unruhe auf den Finanzmärkten.“

New York, Mitte Oktober. Laurence Fink führt lange Telefonate mit Europa. Fink ist der Chef des amerikanischen Finanzunternehmens Blackrock, des größten Vermögensverwalters der Erde. Jeden Tag telefoniert er mit der halben Welt. Diesmal hat er ungewöhnliche Gesprächspartner. Mehrere europäische Finanzminister sind am Apparat. Besorgt wollen sie von ihm wissen, was die Finanzmärkte von den Bemühungen zur Rettung des Euro halten.

Brüssel, 27. Oktober 2011, vier Uhr früh. Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy tritt vor die Journalisten. Nach zehnstündigen Verhandlungen beschreibt er den Inhalt des neuen, 1,4 Billionen Dollar schweren Rettungspakets für Griechenland. Ein französischer Journalist unterbricht ihn. Dollar? Es geht doch um die Euro-Krise. Natürlich Dollar, antwortet Sarkozy irritiert. Schließlich werde diese Pressekonferenz weltweit wahrgenommen. Er, Sarkozy, kommuniziere hier mit jenen, die für gewöhnlich in Dollar rechnen. Den internationalen Finanzmärkten.

Ein Verlust ist anzuzeigen in diesen Wochen und Monaten der Krise. Offenbar haben die bedeutendsten Regierungschefs der Erde, die sich an diesem Wochenende beim G-20-Gipfel trafen, ausgerechnet das verloren, was ihnen ihre Bedeutung gibt: die Macht. Nicht mehr in den Hauptstädten der Welt scheint sie zu wohnen, sondern an einem geheimnisvollen Nirgendwo, dem sogenannten Finanzmarkt. Dort, im Kreise von Brokern und Bankern, von Händlern und Investoren, muss sie zu finden sein.

Aber wo?

Und wer genau ist es, der die Macht über die Welt jetzt übernommen hat?

Es gibt keine schnelle Antwort auf diese Frage. Aber es gibt einen Mann, der sich gut dafür eignet, mit der Suche nach Erklärungen zu beginnen. Er heißt Ted Weisberg und arbeitet dort, wo man die Machtzentrale der internationalen Finanzmärkte am ehesten vermuten kann: an einer nur 600 Meter langen Straße im Süden von New York. Der Wall Street.

Wie jeden Tag ist Weisberg auch an diesem Morgen um fünf Uhr aufgestanden. Heute ist es ihm leichtgefallen. Erst gestern kam er von einem Investorentreffen in Schweden zurück. Der Jetlag hat ihn geweckt. Weisberg las dann die Financial Times, das Wall Street Journal und eine täglich erscheinende Investorenzeitung. Auf seinem Blackberry sah er sich die neuesten Wirtschaftsdaten an, dann stieg er in die U-Bahn, Linie 4.

Jetzt wartet Weisberg auf den Schlag der Glocke, hier an der Wall Street Nummer 11, dem Hauptgebäude der New Yorker Börse.

9.29 zeigt die große Uhr oben an der Empore. Weisberg steht unten auf dem Börsenparkett, inmitten vieler anderer Männer, die alle anders aussehen als er. Jünger.

Ted Weisberg ist 71 Jahre alt, ein kleiner, rundlicher Mann mit weißem Haarkranz. In den Gläsern seiner Brille spiegelt sich das Leuchten der Bildschirme, das Flimmern der Aktienkurse. Meldungen von der Euro-Rettung, den Rohstoffmärkten, den kranken Banken tickern vorbei. Dann springt die Uhr eine Minute weiter.

Seit mehr als 40 Jahren arbeitet Weisberg an der Wall Street. Seit mehr als 40 Jahren trägt er die schlichte blaue Jacke der Börsenhändler. Wie ein alter Fabrikarbeiter sieht er aus in diesem Kittel, und eine Fabrik ist es auch, die ihre Maschinen anwirft an diesem Morgen des 18. Oktober, da die Uhr auf 9.30 Uhr steht und die Eröffnungsglocke erklingt.

Weisberg läuft über das Parkett, im Blick die Kurstabellen, in der Hand ein Touchpad. Seine Finger tippen auf den kleinen Bildschirm, jede Berührung ein Börsendeal. Weisberg kauft und verkauft Wertpapiere im Auftrag anderer Leute. Seine Kunden sind Banken, Investmentfonds und reiche Privatpersonen.

Kommentare zu " Finanzmärkte: Wall Street, die Straße der Tyrannen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • @george.orwell ... wie wäre es noch mit ein paar Beispielen für Strafen für die Verantwortlichen? Da Sie ja schon so ein niedriges Niveau erreicht haben scheint der Wunsch nach paar mittelalterlichen Bestrafungsmethoden auch nicht mehr viel auszumachen ... am besten verzichten Sie (wie in Ihrem Kommentar ja auch) auf jegliche Argumentation und nennen gleich die Namen derer die zur Rechenschaft gezogen werden sollen.

  • ...sorry für die vielen Fehler ...

  • Ich gebe nur drei Sterne für den Artikel.

    Es sind hier zum großen Teil treffende Analysen gemacht, aber die Analysen gehen nicht weit genug.

    Was hier völlig fehlt sind die VERANTWORTLICHEN oder besser die TÄTER! Zahlen können nicht agieren, Zahlen sind ein Ergebnis.

    Maschinen mögen den Handel gefährlicher machen, aber sie haben sich nicht selbst gebaut und nicht selbst installiert. Es ist nicht die Schuld der Zahlen und nicht die der Maschinen. Die Schuld tragen MENSCHEN.

    Es wird hier der Eindrcuk erweckt alles sei eine fatale Entwicklung, eine Verselbstständigung, ja es wird sogar behauptet die Finanzmärkte hätten sich nicht Macht nicht "genommen", sondern sie sei Ihnen übergeben worden. Das ist naiv. Die Macht des Geldes hat die Politik besiegt, so einfach ist das. Politiker sind nur noch Diplomaten der Geldmacht. Wer glaubt schon das Merkel wirklich Macht hat, oder Sarkozy? Das sind austauschbare Figuren, mehr nicht.

    Die Verantwortlichen wären nicht schwer zu finden, wenn man es denn wollte, den die Verantwortlichen sind die PROFITEURE. Der irrsinnigen Schulden stehen spiegelbildlich irrsinnige - letztlich private - Vermögen gegenüber. Und da sind angeblich Superreiche wie Gates ein kleines Licht. Die echte Geldmacht, die Despoten und Totengräber dieser Welt, die Feinde der Menschen, der "überflüssigen Esser" könnten gefunden werden, wenn man es wirklich wollte.

    Nur wer ist "man"? Niemand kann dieses Geldherrschern im Dunkeln einhalt gebieten, den niemand hat die Macht dazu.

    Letztendlich ist es nur eine Frage wer gewinnt: Die 99% oder die 1%. Gewinnen die 99%, dann nur über eine Revolution - nur wo sind die Führer? Die Gesellschaft ist gezielt atomisiert worden. Jeder kämpft für sich - und damit ohne Chance. Gewinnen die 99% wird es Chaos geben, was danach kommt weiß niemand. Doch wäre mir dies noch lieber als der Sieg der 1%. Gewinnen die 1% dann werden wir eine weltweite totalitäre Gesellschaft haben. Ordo ab chao.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%