Finanzmärkte: Wie böse sind Spekulanten wirklich?

Finanzmärkte
Wie böse sind Spekulanten wirklich?

Überall auf dem Globus verwetten sie Billionen auf Wertpapiere, Währungen und Rohstoffe. Spekulanten verändern mit ihrem Kalkül die Welt in Sekunden. In der Finanzkrise wurden sie zu Staatsfeinden abgestempelt. Aber sind Spekulanten tatsächlich böse? Einfache Antworten gibt es nicht. Eine Rundreise zu Großinvestoren, Hedgefonds-Chefs und Sekundenhändlern.
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Der Mann bemüht sich nicht, die Dinge schönzureden. » Wir verdienen das meiste Geld, wenn es der Welt furchtbar geht«, sagt John Taylor. Zu Zeiten der Not und der Panik ergeben sich an den Börsen der Welt eben die besten Chancen.

Graue Haare, sonore Stimme, eine markante, dunkel gemaserte Brille - der Chef von FX Concepts, dem weltweit größten Hedgefonds im Devisengeschäft, ist eine seriöse Erscheinung. Acht Milliarden Dollar haben ihm Anleger aus aller Welt anvertraut, unter ihnen auch deutsche Pensionskassen, weil sie wollen, dass er ihr Geld vermehrt.

60 Mitarbeiter hat Taylor, in der Firmenzentrale unweit des New Yorker Madison Square Garden handeln sie mit 34 Währungen, sie verbringen ihre Zeit in Konferenzräumen, die »Dollar«, »Euro« oder »Yen« heißen, starren konzentriert auf Bildschirme voller flimmernder Daten. Im Büro des Chefs hingegen stehen Bücher, überall Bücher. Taylor interessiert sich für französische Geschichte, die Anfänge der USA. Allein 2008 hat der Hobbyhistoriker 15 Millionen Dollar verdient.

John Taylor ist, was man einen Spekulanten nennt - und für viele Europäer damit so etwas wie der Staatsfeind Nummer eins.

Im Frühjahr hatte er mit einer drastischen Aussage für Aufregung gesorgt: Europa sei tot, der Euro gleiche einem geschlachteten Huhn, das noch »für einige Minuten kopflos umherrennt, bevor es umkippt und stirbt«. Es war Anfang Mai, der Kontinent rang um seine Währung, Politiker wähnten eine »weltweit organisierte Attacke« am Werk, »dieser Mann zockt gegen den Euro«, schrieb Bild über Taylor.

Doch der lässt auch jetzt nicht locker. » Im September oder Oktober werden wir sagen: Oh Gott, Griechenland schafft es nicht.« Die Regierungen in Athen und anderswo würden härter sparen, die Wirtschaft würde einbrechen, die Wut der Bürger wachsen - und der Kurs des Euro bis Jahresende auf einen Dollar fallen.

Gut möglich, dass Taylor seine Wetten entsprechend platziert hat. Dann liefe es gut für ihn: Die griechische Wirtschaft ist allein im zweiten Quartal um 1,5 Prozent geschrumpft, Gewerkschafter erwarten neue Proteste »explosiven Ausmaßes«, die Angst vor einer Staatspleite ist zurück, der Euro-Kurs könnte abermals einbrechen.

Sympathisch ist es nicht, wenn Multimillionäre von der Misere ganzer Nationen profitieren. Die eigentliche Frage aber ist: Schauen Leute wie Taylor nur besonders gut hin, oder sind sie für die Probleme verantwortlich? Sind die Märkte also bloß ein Spiegel der Realität, oder schaffen sie ihre eigene? Wer der Frage nachgeht, stellt schnell fest: Einfache Antworten gibt es nicht. Gut und Böse lassen sich kaum für alle Zeiten identifizieren. Verantwortung schon.

Die Finanzmärkte sind zur treibenden Kraft des Kapitalismus geworden - auch weil die Politik ihnen den Weg bereitet hat. Sie hat die Hoheit über die Wechselkurse an die Devisenmärkte abgegeben, die Altersvorsorge zum Teil Versicherungen, Banken und Fondsgesellschaften übertragen und den Banken immer mehr Freiheiten gewährt. Selbst bei der Erstellung von Bilanzen werden heute die Preise herangezogen, die der Markt aktuell hergibt.

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  • Die Antwort ist ganz schlicht: Spekulation ist immer gut, denn sie ist im eigentlichen Sinne des begriffes unvoreingenommen, wertfrei und vorkenntnislos.
    im Mißbrauch des begriffes liegt die Crux: Mit Vorkenntnis, Marktbeherrschung und solchen Dingen wie z.b. Frontrunning den Markt zu manipulieren, ist keine Spekulation, sondern betrug.
    Leider gibt es weder in der Öffentlichkeit noch bei den beteiligten ein interesse an dieser so wesentlichen Unterscheidung. Genau dies macht es den falschen Leuten so leicht, auf Kosten anständiger Spekulanten zu reisen.

  • Heike buchtler hat schon vor vielen Jahren angekündigt (merkwürdigerweise in der ZEiT), was mit "Subprime" alles ins Rollen kommt.
    Aber erst wegschauen, dann jammern, dann "die Wirtschaft" anklagen, speziell den "Finanzmarkt" und auf die bösen Spekulaten zielen.
    Dann nach dem Staat rufen, also den Riesenbock zum Universalgärtner machen ...

  • Guten Tag;.... Der Mensch ist bOESE ! besten Dank.

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