Finanzplatz Wien
Nachhilfe in Sachen Aktienkultur

Die Wiener Börse kämpft um mehr Aufmerksamkeit. Im vergangenen Jahr besaßen nur sieben Prozent der Österreicher Aktien. Präventiv gehen deshalb Börsenhändler an die Schulen, um die Aktienkultur im Land zu stärken.

WIEN. Heribert Pröbstl hat so gar nichts von einem Börsenhändler an sich. Sehr groß, wenig Haare. Seine Schuhe sind vor allem eins: bequem. Die Krawatte baumelt heute ein bisschen lose um den Hals. Er muss sich beeilen, denn im Joseph-Haydn-Gymnasium im fünften Wiener Bezirk läutet es schon zur nächsten Stunde. Pröbstl ist hier Lehrer. „Professor, Magister“ wie es in Österreich korrekt heißt. Und Pröbstl hat seinen Lehrauftrag: Er soll den Schülern des zwölften Jahrgangs das Geschehen an der Börse nahe bringen. Und dazu braucht er in der Tat andere Qualitäten als die eines Parketthändlers.

Die Wiener Börse kämpft mit Leuten wie Pröbstl um mehr Aufmerksamkeit. Zwar existiert der Aktienmarkt schon seit den seligen Zeiten Maria Theresias, die die Börse 1771 gründete. Doch im vergangenen Jahr besaßen nur sieben Prozent der Österreicher Aktien. Inklusive der Anleihen und Fonds-Besitzer waren gerade einmal zehn Prozent der Österrreicher an der Börse aktiv. Zum Vergleich: In Deutschland lag der Anteil der Aktienbesitzer an der Bevölkerung im gleichen Jahr bei 16,4 Prozent. In der Schweiz sind es sogar 32 Prozent. In einer Umfrage gaben 79 Prozent der Befragten Österreicher zu Protokoll, dass ihnen das Thema Wertpapiere egal ist.

Wer nach den Ursachen für das Desinteresse forscht, stößt schnell auf eine österreichische Besonderheit: Das Land hat nach dem Krieg seine wichtigsten Unternehmen in aller Eile verstaatlicht, um sie dem Zugriff der sowjetischen Besatzer zu entziehen. Die Besatzer zogen ab, aber die Organisationsform der Industrie hielt sich bis in die neunziger Jahre. Das Konglomerat Voest, der Energiekonzern OMV, die Fluglinie Austrian Airlines, Post und Telekom können ein Lied davon singen. Die meisten von ihnen haben mit dem Staat Österreich immer noch einen starken Großaktionär im Rücken – oder vor der Nase, wie Kritiker meinen. Diese Struktur ist es, die die Unternehmen für die Börse lange uninteressant gemacht hat.

Erst als der Staat dringend Geld brauchte, bemühten sich die Politiker um Privatisierungen. Letzter spektakulärer Fall war der des Industriekonzerns VA Tech, der nach dem Rückzug des Staates in die Hände von Siemens überging. Mit dem Trend zur Privatisierung ist zwar das Interesse an der Börse erwacht. Doch noch immer bevorzugen die weitaus meisten privaten Haushalte in Österreich nach Einschätzung von Wiens Nationalbankdirektor Peter Zöllner „sichere und liquide Anlageformen wie Bargeld und Einlagen“.

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