Gedrückte Stimmung am Finanzplatz London
Wo Banker traurig ins Bier starren

Um 15.00 Uhr trifft man in Londons Finanzviertel normalerweise auf wenig Bier trinkende Banker. Vergangenen Freitag allerdings waren die Pubs in der Londoner City schon nachmittags gut gefüllt - und es gab ein beherrschendes Gesprächsthema:

HB LONDON. Um 15.00 Uhr trifft man in Londons Finanzviertel normalerweise auf wenig Bier trinkende Banker. Vergangenen Freitag allerdings waren die Pubs in der Londoner City schon nachmittags gut gefüllt - und es gab ein beherrschendes Gesprächsthema: Den Einbruch der Märkte nach der US-Immobilienkrise. An Europas wichtigstem Finanzplatz, wo das Geld in den vergangenen Jahren in scheinbar unerschöpflichen Strömen floss, herrscht Unruhe. „Wir haben überlebt, aber die Stimmung ist gedrückt“, sagt Daniel M., Banker bei der britischen Großbank Barclays.

Am Freitag rutschte der Londoner Aktienindex FTSE 100 um 3,7 Prozent ab - so viel wie seit vier Jahren nicht mehr. Fast 60 Mrd. Pfund (rund 88 Mrd. Euro) verloren die gelisteten Unternehmen an Wert. Seitdem Höchststand am 13. Juli sackte der Index damit mehr als zehn Prozent ab. Premierminister Gordon Brown sah sich genötigt, zu beschwichtigen. Es sei alles getan worden, um die britische Wirtschaft zu stabilisieren. Schatzkanzler Alistair Darling brach wegen der Turbulenzen umgehend seinen Urlaub ab.

Zwar erholte sich der „Footsie“ am Montag wieder und stieg mittags sogar um 1,9 Prozent. Doch Analysten warnten, die Erholung könnte von kurzer Dauer sein. „Es wäre naiv, zu glauben, dass wir das Schlimmste hinter uns haben“, sagte David Jones von CMC Markets. Es wäre keine Überraschung, wenn der Index unter die psychologisch bedeutende Grenze von 6000 Punkten falle und damit das Ende stetig steigender Börsenkurse einläutet.

Die goldenen Zeiten in der City, von der aus auch viele Geschäfte in Deutschland eingefädelt werden, führten zuletzt zu immer verrückteren Übernahmen, die zum größten Teil mit Schulden finanziert werden. Das Geld für diese Megadeals aufzutreiben, könnte jetzt schwieriger werden. Schon wurde spekuliert, dass dem Einbruch riesige Deals, die zuletzt die Schlagzeilen beherrschten, zum Opfer fallen. Medien berichtete, eine mögliche Übernahme der niederländischen Bank ABN Amro durch Barclays oder durch das Konsortium um die Royal Bank of Scotland sei gefährdet. Auch die anvisierte, 10,4 Mrd. Pfund schwere Übernahme der Supermarktkette Sainsbury's durch den Finanzinvestor Delta Two sei in Gefahr.

Viele hatten - wenn auch nicht einen Kollaps - so doch eine Abkühlung des überhitzten Marktes vorausgesagt. „Wir erwarten, dass sich der Markt in den kommenden Monaten auf einem normaleren Level einpendelt“, sagte kürzlich Bob Diamond, Chef der Investmentbank Barclays Capital. Andere riefen zur Ruhe auf. „Die Botschaft ist, nicht in Panik zu verfallen. Wir sehen hier eine Reaktion auf einen Markt, der fast sein Allzeit-Hoch erreicht hatte“, sagte John Hatherly von Seven Investment Management der Zeitung „Times“.

Doch manch ein Finanzjongleur äußerte schon ein eigenes drängendes Problem: „Ich konnte letzte Woche zwar früher nach Hause gehen, aber dafür wird der Bonus dieses Jahr wohl nicht mehr so hoch ausfallen“, sagte ein Investmentbanker.

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