Georgien-Konflikt
Krise im Kaukasus verschreckt Investoren

In der Georgien-Krise schaltet der Kreml auf stur. Doch die russische Wirtschaft bekommt die Folgen des Konflikts bereits zu spüren. Ausländische Investoren sind verschreckt und ziehen Milliarden aus Russland ab. Manche fürchten sogar, die Russen könnten den Ölhahn zudrehen.

FRANKFURT. Ausländische Investoren haben seit Beginn des Georgien-Konflikts mehrere Milliarden Dollar aus Russland abgezogen. Das belastet die Wirtschaft und drückt den russischen Aktienmarkt auf den tiefsten Stand seit fast zwei Jahren. Seit Beginn des Konflikt hat der russische Leitindex RTS knapp zehn Prozent verloren.

Am 8. August hatte Georgien seine Militäroffensive zur Rückeroberung der abtrünnigen Region Südossetien begonnen. Noch am selben Tag reagierten verunsicherte Investoren und zogen ihr Geld aus Russland ab. Wie der russische Finanzminister Alexei Kudrin mitteilte, sind am 8. August sechs Mrd. Dollar, am 11. August eine weitere Milliarde abgeflossen.

Kudrin rechnet damit, dass aufgrund der jüngsten politischen Risiken auch künftig weniger Kapital nach Russland fließen wird. Der Zustrom werde in diesem Jahr noch unter den von der Zentralbank prognostizierten 40 Mrd. Dollar liegen, sagte Kudrin. Zum Vergleich: 2007 strömten 82 Mrd. Dollar nach Russland.

Die Währungsreserven des Landes schrumpften nach Angaben der russischen Zentralbank um 16,4 Milliarden auf 581,1 Milliarden Dollar. Das berichtete die Moskauer Wirtschaftszeitung „Kommersant“.

Durch die "politische Situation" sei ein Ausverkauf ausgelöst worden, sagte Gennadij Melikjan, Vizepräsident der russischen Zentralbank, gegenüber der "Financial Times".

Nach Einschätzung von Jens Hobohm von der Stiftung Wissenschaft und Politik zeigt der Konflikt, „wie verletzlich die Sicherheit der europäischen Energieversorgung ist“. Die Öl- und Gasförderwege, die durch Georgien laufen, wie die BTC-Pipeline oder die geplante Nabucco-Pipeline, sollten Europa eigentlich unabhängiger von Russland machen. Das Gegenteil ist aber derzeit der Fall: Der Kaukasus sei eine „sensible und latent unsichere Region“, so Hobohm weiter. Zu Russland als wichtigstem Energiepartner gäbe es deshalb „keine Alternative“.

Heikel ist außerdem, dass Russland wegen der Georgien-Krise mit den USA aneinander geraten ist. Die USA haben Russland aufgefordert, Truppen aus Georgien abzuziehen. Russland wiederum kündigte an, seine Zusammenarbeit mit der Nato auf Eis zu legen. Investoren sind verunsichert. Sie befürchten, Russland könne seine Stellung nutzen und den Ölhahn zudrehen, um den Westen unter Druck zu setzen. "Der Markt konzentriert sich auf diese geopolitische Bedrohung", sagte Shum. Noch sei es reine Spekulation, ob Russland das Öl nutzen werde, um den Westen zu treffen. Doch der Ölpreis kletterte gestern bereits um fünf Dollar auf knapp 121 Dollar je Barrel (159 Liter).

Beobachter sehen Schwierigkeiten für die weitere Entwicklung Russlands. "Es gibt zwar im Moment deutliche kurzfristige Verunsicherungen bei Investoren", bestätigt Thorsten Nestmann, Russland-Experte bei Deutsche Bank Research. Das eigentliche Problem sei aber das politische Risiko des Georgien-Konlikts: "Das Investitionsklima in Russland wird stark leiden, wenn sich etwa der WTO-Beitritt Russlands durch die verschlechterten Beziehungen und das russische Image verzögert."

Für eine der dynamischsten Volkswirtschaften der Welt dürften die langfristigen Folgen weitaus schwerer wiegen als kurzfristige Mittelabflüsse – die zudem durch Schwankungen auf den Devisen- und Rohstoffmärkte überzeichnet sein könnten. "Es bleibt abzuwarten, wie sich das Verhältnis zwischen dem großen Markt und den weiterhin bestehenden Wachstumspotenzialen auf der einen und dem politischen Risiko auf der anderen Seite entwickelt", sagt Nestmann.

Jörg Hackhausen
Jörg Hackhausen
Handelsblatt Online / Reporter
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