Gestresste Broker flüchten zum Therapeuten
Die Angst vor dem Absturz

Wenn die Börsen einkrachen, landen die Banker und Broker Londons auf der Couch. Denn viele von Ihnen können massive Verluste psychisch kaum verkraften.

LONDON. Das Thema ist heikel, sehr heikel sogar. Deshalb will die Dame im besten Alter auch nur in einem plüschigen Cafe im vornehmen Stadtteil Chelsea über ihr Gewerbe sprechen, weit weg von ihrer Praxis in der Londoner Innenstadt. Die Dame ist Psychotherapeutin, und ihre Klienten kommen vor allem aus der City, dem Finanzzentrum im Herzen der britischen Hauptstadt.

Investmentbanker und Händler, die in Stresssituationen psychologische Hilfe in Anspruch nehmen, sind in der City noch immer ein Tabuthema. Wer es im Finanzviertel zu etwas bringen will, hat hart und stressresistent zu sein – gerade in der Krise. Auch wenn jede Bank inzwischen ihre Gleichstellungsbeautragte beschäftigt, herrscht in der City noch immer eine Macho-Kultur der adrenalingetriebenen Alphatiere. Für Schwäche und Angst ist hier kein Platz. Nur allzu oft müssen Drogen, Alkohol und Tabletten dabei helfen, die anfällige Psyche unter Kontrolle zu halten. Aber natürlich wird die vermeintliche Lösung schnell selbst zum Problem.

So wie bei jenem jungen Banker, der vor wenigen Wochen für traurige Schlagzeilen sorgte. Der begabte Mathematiker stieg nach dem Studium als Händler bei einer Schweizer Großbank ein, zunächst mit großem Erfolg. Doch dann begannen die psychischen Probleme; der 26-Jährige fühlte sich von „Milizen“ verfolgt, und wurde schließlich in eine geschlossene Abteilung eingewiesen. Einige Wochen nach der Entlassung stürzte sich der junge Banker im Kokain-Rausch von einem Londoner Hoteldach in den Tod. Seine Familie glaubt, dass der Druck im Job ihn Zuflucht bei Drogen und Alkohol suchen ließ, und dass es der Stress war, der den Händler am Ende in den Wahnsinn trieb.

Viele Banken bieten Angestellten, denen die Belastung ihres Jobs über den Kopf zu wachsen droht, Hilfe an. „Unsere Leute tragen eine enorme Verantwortung; es ist nur menschlich, dass in Extremsituationen manchmal die Grenzen der Belastbarkeit getestet werden“, heißt es bei einer internationalen Investmentbank.

Aber die Hilfsangebote sind freiwillig und die Angst, Schwäche einzugestehen und von der Karriereleiter zu fallen, ist groß. Entsprechend hoch liegt die Hemmschwelle. Einige Banker sehen sich deshalb lieber außerhalb nach seelischer Unterstützung um, oft kommt der Antrieb dazu aus der eigenen Familie.

„Wenn die Märkte aus dem Ruder laufen, dann füllt sich mein Terminbuch sehr viel schneller mit Patienten aus der Finanzszene“, sagt die Dame im plüschigen Cafe in Chelsea. „Das war so, als die Internetblase vor sechs Jahren platzte, und das ist heute wieder so.“

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