Halbherziges Krisenmanagement
Chaos an Moskaus Börsen

Russlands Regierung hat die Kontrolle über die Finanzmärkte verloren. Seit Wochen rauschen die Kurse ausnahmslos in den Keller. Statt dringend benötigter, unpopulärer Maßnahmen setzt Ministerpräsident Putin auf blinden Aktionismus. Das Krisenmanagement des starken Mannes bleibt blass – sehr zum Ärger der Anleger.

MOSKAU. Wladimir Putin ist ein Politiker mit eiserner Faust. Einer, der auf den Tisch haut und sagt, wo’s lang geht. So lässt sich der russische Ministerpräsident jedenfalls gern im staatlich kontrollierten Fernsehen inszenieren. Nichts wünschen sich die Moskauer Börsianer sehnlicher als so einen: Einen Aufräumer, der den Rubel abwertet, Spekulationen begrenzt und die Finanzmärkte beruhigt. Doch stattdessen, kritisieren Marktteilnehmer, bekämpft der russische Staat die Folgen der Finanzkrise mit blindem Aktionismus – und verbrennt Rücklagen in dreistelliger Milliardenhöhe.

So herrschte auch in der vergangenen Woche wieder das große Chaos an den Moskauer Finanzmärkten. Fast die gesamte Woche über waren die Kurse in den Keller gerauscht – unterbrochen lediglich von einer zeitweiligen Schließung der Börse durch die Finanzaufsicht. Im Wochenverlauf hatten die umsatzstärksten Titel von Gazprom, Lukoil, Rosneft, Norilsk Nickel und der Sberbank allesamt mehr als zehn Prozent an Wert verloren – und dem RTS-Index einen Wochenverlust von rund 15 Prozent beschert. (Siehe „Börsen außer Rand und Band“).

Statt unpopuläre Beschlüsse zu treffen, die der 56-jährige Putin scheut, bleibt das Krisenmanagement bis jetzt halbherzig. Untransparente Hilfspakete für staatstreue Firmen, sinnlose Interventionen an Devisen- und Aktienmärkten, ständige Schließungen des Börsenhandels – unzählige Anti-Krisen-Mittel der Finanzstrategen wirken meist nur wie Strohfeuer.

Seit Wochen erleben die Moskauer Aktienmärkte eine beispiellose Berg- und Talfahrt. Drohen allzu große Verluste, lässt die Finanzaufsicht die Börsen schließen, was eine Marktanpassung verhindert. „Hinter diesen Aktionen steht der Glaube, dass der Staat mit Hilfe seiner Bürokratie die ökonomischen Prozesse im Land kontrollieren kann“, sagt James Fenkner, der in Moskau den Hedge-Fonds Red Star managt. Doch das ist ein Irrtum. Die russischen Börsenindizes reagieren bestenfalls auf Ölpreis- und Wechselkursänderungen noch halbwegs nachvollziehbar. Ansonsten machen ungeheure Schwankungen den Moskauer Parketthandel zum Glücksspiel. Osteuropa-Analyst Michael Ganske von der Commerzbank spricht von „einem stark spekulationsgetriebenen Markt.“ Fondsmanager Fenkner sagt: „Die russischen Märkte brechen völlig zusammen.“ Nur noch eine Handvoll ausländischer Investoren ist inzwischen an den Moskauer Börsen aktiv. Auch viele russische Investoren ziehen Geld ab, da sie ihre Anlagen zur Bedienung von Verbindlichkeiten liquidieren müssen. Allein im vergangenen Monat flossen aus den russischen Finanzmärkten 50 Mrd. Dollar ab. Die massive Kapitalflucht hat Russland zum Schwellenland mit der schlechtesten Börsen-Performance gemacht: Der Leitindex RTS hat seit einem Höchststand Mitte Mai mehr als zwei Drittel an Wert verloren.

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