Herdentrieb führt zum Börsencrash
Wie die Lemminge

Der Dax fällt und fällt, doch für nackte Panik gibt es keinen rationalen Grund, sagen Ökonomen. Denn nicht Griechenland oder S&P haben den Crash ausgelöst, sondern die Finanzkrise. Und die ist längst eingepreist.
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Düsseldorf/Bielefeld/Osnabrück/BerlinPanik und Euphorie sind so alt wie die Börsen selbst. Schon die erste moderne Aktie, die der 1602 gegründeten Vereinigte Ostindien Kompanie (V.O.C.), erlebte haarsträubende Kursschwankungen: Eine Woche nach ihrer Ausgabe war sie bereits um mehr als 100 Prozent förmlich explodiert.

Für die Anleger der Moderne geht es zurzeit genau in die andere Richtung. Nach dem schwarzen Montag, an dem der deutsche Aktienindex Dax fünf Prozent und der US-Leitindex Dow Jones sogar 5,6 Prozent verloren hatten, geht es heute weiter abwärts: Momentan notiert der Dax noch einmal fast drei Prozent tiefer, in der Spitze gab er sogar über sechs Prozent nach. In der vergangenen Woche war er bereits um rund 13 Prozent eingebrochen - ein Absturz von rund 25 Prozent in den vergangenen zehn Tagen.

Der Börsen fallen und fallen - aber warum? Schlechte Konjunkturdaten, die Herabstufung der USA durch die Ratingagentur Standard & Poor's, die schwelende Schuldenkrise in Europa: All das kann den Ausverkauf nicht annähernd erklären.

Führende Ökonomen sehen denn in dem jetzigen Börsencrash einen weiteren Beleg für das was Alan Greenspan, ex-Chef der US-Notenbank Federal Reserve einst "irrational exuberance", irrationalen Überschwang der Märkte genannt hat: So sieht der Wirtschaftsweise Peter Bofinger keinen rationalen Grund für den aktuellen Kursturz an den Börsen.

Die Aktienmärkte hätten zwar „die konjunkturelle Wende verschlafen und reagierten jetzt umso panischer“, sagte der Ökonom der Neuen Westfälischen Zeitung. Aber die „fundamentalen Daten der Volkswirtschaft“ rechtfertigten keinen solchen Kurzsturz. Bofinger sieht hier „psychologische Faktoren, insbesondere das Herdenverhalten“ am Werk.

Die Erklärung ist so einfach wie dramatisch: Hat eine Panik erst einmal begonnen werden die Anleger zu Gefangenen des Marktes. Sie müssen im Strom mitschwimmen und verkaufen, wenn sie ihr Vermögen nicht verlieren wollen. Denn wenn sie zögern während alle anderen flüchten, bleiben sie am Ende auf wertlosen Papieren sitzen oder haben zumindest einen Großteil ihres Geldes verloren. Der Markt bewegt sich in einer Panik wie eine trampelnde Büffelherde nur noch in eine Richtung: Niemand würde es wagen, plötzlich stehenzubleiben und sich gegen den Strom zu stellen - er würde niedergewalzt.

Das Verheerende daran: Der Absturz wird nur durch die Erwartungen der Anleger erst Realität, wie eine selbsterfüllende Prophezeiung. Denn auch wenn ein Investor selbst gar nicht panisch verkaufen will, ist es das Beste für ihn sich der Hysterie anzuschließen, um sein Geld zu retten. Das Herdenverhalten macht die Panik für jeden Einzelnen rational - für alle Anleger aber vernichtend.

Das Märkte-Chaos ist geradezu aberwitzig, sagte Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln, Handelsblatt Online bereits am Freitag vor der Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit durch die Ratingagentur Standard & Poors. In der Woche zuvor hatte der Dax rund 13 Prozent eingebüßt.

Der Kursrutsch an den internationalen Börsen sei nicht durch ein besonderes Vorkommnis oder neue Informationen zu erklären, sondern einzig dadurch, dass sich an den Finanzmärkten neue Bewertungen bekannter Fakten durchsetzen, konstatierte Hüther. Besonders verwundere, dass gerade in dem Maße, in dem die Staaten das Schuldenproblem angehen und Maßnahmen auf den Weg bringen, die Märkte und die Ratingagenturen solche dramatischen Reaktionen zeigen. Hüther wurde deutlich: Wer argumentiere, dass die Kapitalmärkte (und die Ratingagenturen) informationseffizient seien, sei entweder blind oder naiv.

Das meint auch DIHK-Präsident Hans-Heinrich Driftmann: Trotz der drastischen Kursabstürze und der Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit sieht er keinen Anlass für Katastrophenszenarien. Die Nervosität an den Finanzmärkten spiegele nicht die weltwirtschaftliche Realität wider, sagte er der „Neuen Osnabrücker Zeitung".

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  • An alle genannten Experten: Wenn Marktteilnehmer zu einer neuen Bewertung gelangen, ist das eine neue Information. Dass Kapitalmärkte nicht informationseffizient sind, ist nichts Neues. Aber, es ist eben für alle bequem, an die "These der effizienten Märkte" zu glauben, mehr als ein Glaubenssatz ist es nicht, denn als Fama vor 40 Jahren seine These aufstellte, war Information noch keine "feste" Größe. Das hat sich inzwischen deutlich geändert. Heute weiß man, dass Information eine Rechengröße ist. Sie ist genauso mathematisch wie Wert oder Risiko und inzwischen auch in die Portfoliotheorie integriert, Stichwort: Portfoliomodell der Information. Dass zum Beispiel der DAX® eine mittlere überprüfbare Informationseffizienz von unter 50% besitzt, ist zwar bekannt und kann auch fast überall nachgelesen werden, nur das IW und andere scheinen davon nichts zu wissen. Was die Entität "Information" angeht, scheint überhaupt das Wissen darüber bei allen im Artikel genannten Experten noch ausbaufähig zu sein.

  • Crash-Prophet Hannich: Finanzwelt K.O. - DAX 1.000 kommt

    http://goo.gl/judRU

    gute nacht

  • Zur Beruhigung:

    Die Finanzen sind zerrüttet, an den Börsen hat´s gekracht...
    ... da hab ich aus meinen Aktien, mit meinen Kindern einen Drachen gemacht.
    Wir gingen hinaus wo die lauen Lüfte weh´n...

    So konnten wir unsere Aktien, noch einmal steigen sehn.

    Allen Anlegern, gerade den Kleinen, alles Gute!

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