Hinweise für Einbrüche an den Börsen gibt es genug
Die Herde ist unbelehrbar

Heute vor 75 Jahren erlebte die Wall Street ihren „Schwarzen Freitag“. Nur der Kursverfall Anfang dieses Jahrtausends in Europa erreicht ähnliche Dimensionen. Obwohl Börsianer schon 40 Finanzkrisen erlitten, halten sie jede neue Hausse für einmalig und unendlich.

„Das war die unausbleibliche, periodisch wiederkehrende verheerende Seuche, die alle zehn bis fünfzehn Jahre an den so genannten schwarzen Freitagen den Markt rein fegt und den Boden mit Schutt bedeckt. Jahre müssen vergehen, ehe das Vertrauen von neuem erwacht und die großen Bankhäuser wieder aufgebaut werden, bis dann die allmählich angefachte Spielleidenschaft wieder hell auflodert, die Geschichte von vorne anfängt und eine neue Krisis herbeiführt, die in einem neuen Krach alles vernichtet.“

Émile Zola: Das Geld, 1891



HB DÜSSELDORF. Lange bevor das Desaster am Schwarzen Freitag, heute vor 75 Jahren, seinen Lauf nimmt, war der französische Schriftsteller Émile Zola zu der Erkenntnis gelangt, dass Börsenkräche nicht nur ähnlich verlaufen, sondern sich auch noch regelmäßig wiederholen. Das ist das eigentliche Phänomen an den Finanzmärkten. Doch was verleitet Börsianer jedes Mal wieder dazu, teure Aktien während eines Booms zu kaufen und billige Papiere im Absturz zu verkaufen? Ein Blick in Börsenkräche der Vergangenheit hilft bei der Aufklärung.

In der beiden größten Boom- und Crashphasen der Weltgeschichte, 1929 bis 1932 in den USA und 2000 bis 2003 in Europa, ähnelen sich die Verhaltensweisen der Anleger besonders krass. Wie 1929 beschreien Medien, Finanzakteure und Anleger auch 1999 eine „neue Ära“: Grenzenloses Wachstum bei gleichzeitig geringer Inflation sollen Anleger für immer beglücken. Die Folge: Börsenregeln werden außer Kraft gesetzt. Technologiewerte vollziehen atemberaubende Kurssprünge, ohne dass die Firmengewinne mitwachsen.

Kursblasen wie 1929 und im Jahr 2000 entstehen immer dann, wenn Menschen, die bislang nie etwas von Aktien wissen wollten, mit demselben Eifer über Dax, Dow und Nasdaq diskutieren wie über Fußball und Formel 1. Der Herdentrieb verleitet immer mehr Anleger dazu, auf den Börsenzug aufzuspringen, je schneller dieser fährt. Für jedermann zugängliche Informationen und die allzu menschliche Verhaltensweise, genau das zu tun, was andere machen, lassen die Herde stets in dieselbe Richtung reisen.

Jeder durch den Herdentrieb ausgelöste Boom geht mit Versuchen einher, die immer höheren Kurse zu rechtfertigen. Firmen nicht am Gewinn, sondern am möglichen Umsatz zu messen, ist keine Erfindung des Frankfurter Neuen Marktes Anfang dieses Jahrtausends. Schon die englische Mississippi-Gesellschaft wurde auf dem Höhepunkt des Booms vor 300 Jahren mit dem 130fachen des Gewinns je Aktie bewertet, noch ehe das Unternehmen die Arbeit im neuen Amerika aufnahm.

Dabei ist es theoretisch recht simpel, das Ende von Hausse und Baisse zu erkennen. Doch im Gespür dafür, dass diesmal alles anders kommt, werden jahrhundertealte Börsenregeln ignoriert. Ganz im Sinne der menschlichen Regel: Was meine Vorfahren erlitten, muss auch ich am eigenen Leib erdulden dürfen.

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