Hormonbedingte Finanzkrisen
Der Mensch ist das Problem

Stress ist der ständige Begleiter der Händlern. Besonders in Krisenzeiten kann er zum Quälgeist werden. Wissenschaftler haben nun herausgefunden, dass Stress nicht nur ungesund ist, sondern auch viel Geld kosten kann.
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LondonAn den Finanzmärkten verstärken gestresste Händler die Anfälligkeit für Krisen: Das ist das Ergebnis einer neurowissenschaftlichen Studie der Universität Cambridge. Wenn das Stresshormon Cortisol über einen längeren Zeitraum übermäßig im Körper produziert werde, führe das zu einem erheblich vorsichtigeren Verhalten. Entsprechend lasse Cortisol Händler in Zeiten des Abschwungs vor riskanteren Geschäften zurückschrecken, was den Abwärtstrend forciere, schlussfolgern die Autoren. Als Beispiel für besonders hohe Nervosität an den Märkten nennen sie die Finanzkrise in den Jahren 2007 bis 2009, als die Schwankungen an den US-Börsen extrem zunahmen.

Studienleiter John Coates, der vor seiner wissenschaftlichen Karriere Derivatehändler bei der Deutschen Bank und Goldman Sachs war, sprach von einer bahnbrechenden Erkenntnis: „Händler, Risikomanager und Zentralbanken können nicht darauf hoffen, Risiken zu bewältigen, wenn sie nicht verstehen, dass die Einflussfaktoren für die Risikobereitschaft sich tief in unseren Körpern verbergen“, konstatierte Coates. „Risikomanager, die dies verkennen, werden nur wenig Erfolg haben.“

Coates stützt seine in der Zeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ veröffentlichten Forschungen auf zwei Säulen. Er verwies zum einen auf eine Untersuchung von Londoner Händlern. Deren Cortisol-Stände seien in einer zweiwöchigen Phase erhöhter Marktvolatilität um 68 Prozent gestiegen. Zum anderen sei in einem Laborversuch der Cortisol-Spiegel von Probanden künstlich erhöht worden. Daraufhin sei bei diesen eine deutlich niedrigere Bereitschaft festgestellt worden, finanzielle Risiken einzugehen.

Allerdings wird ein großer Teil der Aktien inzwischen von Computern gehandelt. Der sogenannte Hochfrequenz-Handel, bei dem Computer selbsttätig binnen Sekundenbruchteilen Aktien kaufen oder verkaufen, macht beispielsweise in den USA mittlerweile etwa 70 Prozent der Börsenumsätze aus. Dieser Handel ist in der Kritik, weil auch hier Abwärtsbewegungen sich selbst bis zum Crash hin verstärken können – auch ohne Hormonausschüttung.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Hormonbedingte Finanzkrisen: Der Mensch ist das Problem"

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  • das ist nicht Hormonbedingt,.. es ist Kiloweise Rauschgift!

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