Immer ausgefallenere Produkte: Zellstoff-Kontrakte bis Plastik-Futures
Terminbörsen erhöhen Druck auf Konkurrenten

Die weltgrößte Energie-Terminbörse, die New York Mercantile Exchange (Nymex), wird sich stärker international ausrichten. Das kündigte James Newsome, der Präsident der Börse, im Gespräch mit dem Handelsblatt an.

BOCA RATON. Der bisher in New York und Dublin vertretene Marktplatz wolle in London und Dubai neue Terminbörsen gründen, sagte Newsome auf der 30. Jahrestagung der Futures Industry Association in Boca Raton. Die Tagung der Branchenvereinigung der US-Derivatebranche ist mit 850 Teilnehmern die wichtigste der Branche.

In London konkurriert die Nymex mit der erfolgreichen International Petroleum Exchange (IPE), einer Tochter der in Atlanta beheimateten Intercontinental Exchange (ICE). Bemerkenswert ist dabei, dass die IPE ihr Handelsparkett am 7. April schließen und dann künftig nur noch elektronisch auf der Plattform der Muttergesellschaft ICE handeln will. Dagegen plant die Nymex in der britischen Metropole den Aufbau eines Börsensaals, in dem die Händler nach dem alten Präsenzbörsensystems physisch anwesend sein sollen.

Darüber hinaus will die Nymex im zweiten Quartal diesen Jahres neue Futureskontrakte auf Schiffsfrachtraten einführen und damit der norwegischen Imarex (International Maritime Exchange) Konkurrenz machen. Nach Angaben der Forward Freight Agreement Brokers Association hat sich das Volumen des Handels von Frachtraten im Jahr 2004 auf 30 Mrd. US-Dollar in etwa verdreifacht. Für das laufende Jahr hat die Vereinigung eine weitere Steigerung um rund 20 Prozent prognostiziert.

Andere Terminbörsen erweitern ebenfalls das Angebot. Das New York Board of Trade (Nybot) hat nach der Einführung von Ethanol-Futures auch Terminkontrakte auf Zellstoff (Pulp) eingeführt. Die britische Tochter der schwedischen Börse OM hatte im Jahr 2003 diese Kontrakt zwar wegen fehlenden Interesses der Wirtschaft eingestellt. Doch Nybot-Sprecher Eric Maine glaubt, wegen der veränderten Fundamentaldaten auf diesem Rohstoffmarkt und des recht gut laufenden Zellstoff-Swapmarktes an den Erfolg dieses Futureskontrakts. Die Zellstoffbranche produziert jährlich 185 Mill. Tonnen im Marktwert von 86 Mrd. US-Dollar.

In ein bisher völlig neues Geschäftsfeld ist die London Metal Exchange (LME) eingestiegen. Die weltweit größte Metallbörse wird nach den Worten ihrer Sprecherin Anna Campopiano am 27. Mai „Plastik-Futures“ (Terminkontrakte auf Polypropylen und Polyethylen) einführen. Darüber hinaus existieren Pläne zur Schaffung eines Stahl-Futures. „Einen exakten Zeitplan gibt es hierfür jedoch noch nicht“, sagte Campopiano dem Handelsblatt.

Ein weiterer Trend: Der bislang überwiegend im OTC-Geschäft (Over the counter = Freiverkehr) organisierte Handel von Derivaten auf wöchentliche oder monatliche Konjunkturindikatoren soll an die Terminbörsen geholt werden. Dies erklärten Sprecher der Philadelphia Board of Trade und der im kalifornischen San Mateo ansässigen Hedge Street Futures Exchange. Bisher werden seit dem 8. Februar 2004 an der Chicago Mercantile Exchange (CME) bereits Futures auf die Prognosen der US-Verbraucherpreise gehandelt. Im Freiverkehr bieten die Deutsche Bank, Goldman Sachs und der US-Broker Icap entsprechende Handelsmöglichkeiten an. Genutzt werden diese Märkte derzeit vor allem von Hedge-Fonds. Künftig sollen in Philadelphia Futures auf Analysten-Schätzungen von Arbeitsmarktdaten, von Rohstoff-Agrar-Ernten und von Quartalsgewinnen populärer US-Aktiengesellschaften gehandelt werden. Die Hedge Street Futures Exchange denkt auch an die Einführung von Futures auf die US-Einzelhandelsumsätze.

Mit ihren neuen Plänen wollen die Terminbörsen wachsen und ihre Erfolgsgeschichte fortschreiben. Derivate sind seit Jahrzehnten das erfolgreichste Segment der Finanzmärkte. Im Zeitraum von 1984 bis 2004 hat sich die Zahl der an den Terminbörsen gehandelten Optionen und Futures im Durchschnitt alle 3,5 Jahre verdoppelt – und zwar von 188 Millionen auf 8,9 Mrd. Kontrakten im Jahr 2004. Bemerkenswert: Mehr als eine Mrd. Kontrakte entfielen dabei auf die deutsch/schweizerische Terminbörse Eurex.

Dass die Produktpalette dabei nicht zuletzt auch um Rohstoff-Derivate erweitert werden soll, überrascht nicht, da die Rohstoffpreise auf das höchste Niveau seit rund einem Vierteljahrhundert in die Höhe geschossen sind. „Rohstoffe sind derzeit die interessanteste Anlageform“, sagte Jim Rogers, der 1970 mit George Soros den Quantum Hedge-Fonds aufgelegt hat und dessen Kommentare in der Branche hohe Beachtung finden. Wegen der Ungleichgewichte in der Angebots/Nachfrage-Situation bestehen für Verarbeiter und Verbraucher von Rohstoffen große Versorgungs- und Preisrisiken, die über Optionen und Futures gemanagt werden können. Die Ursachen für den globalen Siegeszug von Derivaten liegen auf der Hand: Als Plattform für den Transfer aller Arten von Risiken werden die Terminbörsen in einer durch Globalisierung und Internationalisierung bestimmten Welt von immer mehr Anwendern aus den Industrieunternehmen sowie von privaten und institutionellen Anlegern genutzt.

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