Impressionen von der Messe
Invest: Auf der Suche nach Antworten

Die Anlegermesse Invest 2009 ist anders. Die Euphorie der vergangenen Jahre ist verflogen. Anleger wollen Antworten auf ihre Fragen. Wo ist das Geld geblieben? Wer hätte das Desaster verhindern können? Die, die es am besten wissen müssten, sind aber nicht da.

STUTTGART. „Sind Sie von der Deutschen Bank“, fragt der grau melierte ältere Herr, der den beigen Trenchcoat mit einem Gürtel weiterhin verschlossen hält. Draußen ist es warm, die Sonne scheint. „Bild“ hat für diesen Samstag sogar das „Traumwochenende: Sonne, Sonne, Sonne“ ausgerufen. Doch nach Sommer ist dem Herrn nicht zumute. Er hat Asienfonds der DWS im Depot, wollte eigentlich deren Fondsmanager treffen und sie ganz direkt und im breitesten schwäbisch fragen: „Was schafft Ihr eigentlich den ganzen Tag?“

Die Fondsmanager sind nicht da an diesem Samstagmorgen auf der Anlegermesse Invest in Stuttgart. Und der nette Herr vom Vertrieb hat seine liebe Not, die leicht provokante Frage zu entschärfen. Wie dem nach eigenen Aussagen „im normalen Rahmen“ vermögenden älteren Herrn geht es vielen, die an diesem Wochenende Fragen auf das suchen, was die internationale Finanzkrise im vergangenen Jahr mit ihren Depots angestellt hat. Wo bei den meisten an eine gesunde Entwicklung wie in den Jahren davor überhaupt nicht zu denken war, vielmehr die Frage dominierte, wie gering das Minus gehalten werden konnte.

Die 193 Aussteller haben sich ganz bewusst auf solche Situationen eingestellt; sie hören zu wie gute Psychologen und haben bei ihren Präsentationen, ihren Zukunftsaussagen und den Empfehlungen deutlich das Tempo gedrosselt im Vergleich zu den Vorjahren. Damals dominierte noch die kunterbunte Zertifikatewelt, der hochspekulative Themenpark Rohstoffe oder die Hedge-Fonds mit Rennautos und leicht bekleideten Hostessen. Vorbei. Seriosität statt Renditehatz ist gefragt, selbst die, die es eigentlich wissen sollen,suchen Rat. Rund ein Drittel der Besucher sind selbst „Institutionelle“, also Vermögensverwalter, Anlageberater oder Fondsmanager. Ihr Anteil ist über die Jahre gestiegen, sagt Gerd Fleischer von der Messe Stuttgart. Die Wunden des Horrorjahres 2008 lassen sich eben da am besten verschmerzen, wo selbst viele Verwundete nach Heilung suchen.

Auch die unfreiwillig Verwundeten, die in Lehman-Zertifikate investiert haben, im Internet oder von windigen Telefonverkäufern abgezockt wurden. Sie suchen Rat am Stand des Landeskriminalamts (LKA), wo die Kommissare zwar um die stetig steigenden Betrugsfälle wissen, sich gleichzeitig aber ihrer begrenzten Möglichkeiten bewusst sind. „Wir erleben ganz oft Leute, die stets glaubten, ihnen könnte das nicht passieren und deswegen umso ratloser über die Dreistigkeit sind, mit der gerade in ihrem Fall vorgegangen wurde“, sagt Rudolf Schäfer, Hauptkommissar beim Dezernat Wirtschaftskriminalität beim LKA. Dabei sind längst nicht alle Fälle bekannt, ziehen es viele geprellte Anleger doch aus Scham oder gekränkter Anlegerehre vor, keine Anzeige zu erstatten.

Kein Wunder, dass die meisten Anleger deswegen so konservativ denken wie lange nicht mehr. Sparpläne, die noch vor Jahresfrist als das langweiligste, uncoolste und altmodischste in der schönen neuen Börsenwelt galten, feiern plötzlich fröhliche Urstände und werden überall angepriesen. Die Aussicht, dass hier nur wenig Geld zu versenken ist, leuchtet vielen Zuhörern ein.

Wo soviel Einsicht vorhanden ist, da treffen auch die mahnenden Worte der Geistlichkeit auf fruchtbaren Boden. Als bei der Eröffnungs-Diskussion Promis aus der Wirtschaft auf dem Podium zusammenkamen, bekam ausgerechnet ein kleiner Mann mit Kutte, Vollbart und langen Haaren den meisten Beifall: „Die Finanzkrise ist eine spirituelle Herausforderung, damit wir mit uns selbst und im Umgang mit den Dingen dieser Welt wieder zu dem Maß kommen, das unserem Wesen entspricht". Pater Anselm Grün, Cellelar und damit quasi Finanzvorstand der Benediktinerabtei im fränkischen Münsterschwarzach sprach damit das aus, was in den vergangenen Jahren nie auf einer Anlegermesse zu hören war.

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