Interview
„Der Dax kann noch viel tiefer fallen“

Die Abwärtsbewegung an den Börsen hat wieder Fahrt aufgenommen. Fundamental belasten Hiobsbotschaften aus immer mehr Sektoren. Aber auch die Charttechnik liefert ausschließlich negative Signale. Im Gespräch mit dem Handelsblatt erklärt Wieland Staud, einer der bekanntesten deutschen Charttechniker, warum die aktuelle Baisse gravierender ist als der Einbruch nach der Dot.com-Blase und wie sich Anleger jetzt verhalten sollen.

Herr Staud, der Dax nähert sich mit schnellen Schritten seinem Jahrestief. Ist diese Marke zu halten oder drohen Anlegern noch tiefere Kurse?

Die Märkte befinden sich in etablierten Abwärtstrends und es gibt keine Signale, die auf eine Trendwende hindeuten. Wir müssen also von einer weiteren Talfahrt ausgehen. Die Unterstützungen, die auf dem Weg nach unten kommen, sind nicht sehr stark. Die erste liegt bei rund 4 200 Punkten, wo der Dax zurzeit liegt. Die nächste wäre dann bei gut 4 000 Punkten im Bereich des bisherigen Jahrestiefs. Fällt auch diese, geht es in Richtung unseres mittelfristigen Kursziels von 3 680 Punkten. Hier liegt eine stärkere Unterstützung aus dem Jahr 2004.

Wie realistisch ist es, dass der Dax in diese Bereiche zurückfällt?

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch. Wenn der Dax steigen soll, so kann er das nur, wenn es auch Aktien gibt, die steigen. Bei den Einzelwerten ist die technische Situation aber noch düsterer als im Index. Mit Ausnahme von VW gibt es aber keinen Dax-Wert, der nicht in einem langfristigen Abwärtstrend liegt. Viele Titel wie die Bankwerte oder BMW sind zuletzt sogar auf historische Tiefstände gefallen. Aus diesem technischen Bild lässt sich eine Bodenbildung mit anschließender Trendwende beim besten Willen nicht ableiten.

Ein wichtiges Instrument der Charttechnik ist die Sentiment-Analyse, die die Anlegerstimmung misst. Gibt es hier Anzeichen für eine Bodenbildung?

Leider nicht. Im Gegenteil: Die Stimmung am Markt ist heute optimistischer als noch vor drei Monaten. Offenbar haben sich viele Marktteilnehmer entschieden, dass die Börsen mit der laufenden Abwärtsbewegung den Boden markieren werden und die Chance auf eine Trendwende insgesamt gestiegen ist. Aus Sicht der Sentiment-Analyse ist eine Wende aber erst dann wahrscheinlich, wenn der Pessimismus allgegenwärtig ist, weil dann irgendwann die Verkäufer am Markt fehlen.

Lässt sich die aktuelle Bewegung bereits mit der Baisse nach dem Platzen der Dot.com-Blase zur Jahrtausendwende vergleichen?

Vom Ausmaß der Bewegung gibt es sicherlich große Parallelen zwischen der damaligen Abwärtsbewegung und dem jetzigen Kurseinbruch. Zwar hat der DAX bisher deutlich weniger an Wert verloren als damals. Aber an reinen Kurswerten orientiert – ohne die zwischenzeitlich ausgeschütteten Dividenden, also das, was Aktienbesitzer momentan an Kurswerten in ihren Depots vorfinden –, ist der DAX seinen Tiefs schon deutlich näher gekommen als es die aktuell rund 4 200 Punkten suggerieren. Von der Dynamik ist der jetzige Einbruch sogar bereits jetzt gravierender als die Situation der Jahre 2000 bis 2002.

Inwiefern?

Damals vollzog sich der Abwärtstrend über zwei Jahre und die Erholungsphasen waren deutlich ausgeprägter. Jetzt geht es mit einer enormen Dynamik abwärts und die Verschnaufpausen für Anleger sind sehr kurz. Hinzu kommt, dass sich die Verluste nicht auf den Aktienmarkt beschränken, sondern – mit Ausnahme der Anleihemärkte – alle Bereiche von der Verkaufswelle erfasst werden. Das gibt der aktuellen Bewegung eine eigene Qualität.

Seite 1:

„Der Dax kann noch viel tiefer fallen“

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%