Interview mit Michael Herzum
„Wir haben die Tiefstände erreicht“

Michael Herzum, Kapitalmarktexperte für Asset Allocation der Fondsgesellschaft Union Investment, erläutert im Interview, warum er das Schlimmste an den Börsen für überwunden hält und warum sich dennoch weiterhin eine defensive Positionierung empfiehlt.
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Frage: Die Aktienmärkte schöpfen neue Hoffnung, die Kurse erholen sich. Haben wir das Schlimmste an den Börsen hinter uns?

Herzum: Ich denke schon. Es gibt Indizien dafür, dass wir den Bereich der Tiefstände erreicht haben. Das Wichtigste ist vielleicht, dass die Anleger Unternehmen für schlechte Nachrichten nicht mehr abstrafen. Die Erwartungen sind so tief, dass schwache Zahlen vielfach keine weiteren Kursverluste nach sich ziehen.

Heißt das, dass die Konzerne gar nicht mehr enttäuschen können?

In den Kursen sind zumindest schon sehr viele negative Erwartungen enthalten. Wir haben in den vergangenen Monaten eine Situation gehabt, in der selbst gute Nachrichten nicht mehr honoriert wurden. Da wurde sehr viel vorweggenommen. Jetzt kehrt sich dieses Bild um.

In Europa drehen die Gewinne gerade erst in den negativen Bereich. Wie stark wird der Rückgang hier ausfallen?

Analysen zeigen, dass die Unternehmensgewinne in Europa in früheren Rezessionsphasen im Schnitt um 40 Prozent gefallen sind. Auffällig dabei ist, dass die Rückgänge in tiefen und milden Abschwungphasen in ähnlichem Maße ausfielen. Die aktuellen Kurse spiegeln aber bereits 40 bis 50 Prozent niedrigere Gewinne wider. Auch das spricht dafür, dass wir den Boden erreicht haben könnten.

Und wenn es doch schlimmer kommt und die Rezession tiefer als erwartet ausfällt?

Ein Japan-Szenario mit über Jahre sinkender Wirtschaftsleistung decken die aktuellen Kurse sicher nicht ab. Eine solch drastische Entwicklung erscheint aber auch unwahrscheinlich. Wir gehen davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt in den USA um ein bis 1,5 Prozent zurückgehen wird und die Schwäche bis Mitte 2009 anhält. Die Unternehmensgewinne werden in diesem Szenario noch bis ins vierte Quartal hinein fallen.

Ein Positiv-Szenario für die Börsen ist aber auch das nicht ...

Es sollte niemand erwarten, dass wir umgehend wieder in eine Aufwärtsbewegung übergehen. Realistisch ist ein Seitwärtstrend bis weit in 2009 hinein, ehe Licht am Ende des Tunnels erscheint. Bis zu diesem Zeitpunkt bewegen wir uns in einem taktischen Umfeld, in dem "Buy and hold"-Strategien nicht greifen. Zunächst empfiehlt sich weiter eine defensive Positionierung in Branchen wie Telekommunikation oder Pharma. Für Zykliker ist es noch zu früh.

Die Fragen stellte Ralf Drescher.

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