Interview mit Thomas Grüner
„Der Mensch ist nicht für die Börse gemacht“

Anleger tappen immer wieder in die gleichen Fallen und verpassen so viele Chancen, sagt Thomas Grüner. Im Gespräch mit Handelsblatt Online erklärt der Vermögensverwalter und Buchautor, wieso der Marktkonsens ein schlechter Maßstab ist, welches Handicap wir vom Steinzeitmenschen geerbt haben und warum die Finanzkrise gut für die Aktienmärkte ist.
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Herr Grüner, der "Dubai Schock" hat die Börsen nach monatelanger Rally auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Die Sorge vor weiteren Ausläufern der Finanzkrise ist zurück. Müssen sich Anleger auf härtere Zeiten einstellen?

Im Gegenteil. Dubai sollte mittel- und langfristig eher positiv wirken. Was wir vergangene Woche gesehen haben, ist fast schon eine typische Bewegung in frühen Bullenmärkten. Diese Rückschläge verhindern, dass Euphorie aufkommt. Überhaupt muss man feststellen, dass es für die Aktienmärkte von Vorteil ist, wenn uns die Finanzkrise noch länger beschäftigt.

Wieso das?

So lange wir immer wieder Krisensymptome sehen, werden die Notenbanken die Zinsen noch eine ganze Weile niedrig halten. Das heißt nicht, dass wir noch auf Jahre auf dem aktuellen Niedrigstniveau bleiben. Aber auch wenn die Zinsen mal um 0,25 oder 0,5 Prozentpunkte steigen, ist noch lange kein kritisches Niveau erreicht, das Kapitalumschichtungen im großen Stil bewirkt. Bis kurzfristiges Geld wieder eine Alternative zu langfristigen Anlagen wird, muss noch einiges passieren.

Der Preis ist eine hohe Inflation.

Wir leben in einer schnelllebigen Zeit und jeder denkt, alles muss immer sofort passieren. Aber auch hier gilt: Die Inflation kommt irgendwann, doch es wird noch sehr lange dauern. Die massive Liquidität, die von den Notenbanken in die Märkte gedrückt wird, wird ja zu einem großen Teil gehortet. Schauen Sie sich die Banken an: Die brauchen das Kapital. Sie haben immer noch Riesenprobleme in der Bilanz, der Abschreibungsbedarf ist weiter gewaltig. Es wird noch Jahre brauchen, bis sie ihre Probleme gelöst haben.

Und was hat das mit der Inflation zu tun?

Es ist ein Beispiel dafür, dass die Grundannahme, nach der eine Ausweitung der Geldmenge automatisch zu Inflation führt, grundfalsch ist. Die Notenbanken geben reichlich Liquidität, das ist richtig. Aber es kommt nicht in den Kreislauf: Die Banken horten es, die Privatanlegeren horten es und die Unternehmen außerhalb des Finanzsektors horten es auch. Schauen Sie sich nur einmal die Bilanzen vieler Industriekonzerne an: Die sind so gut wie lange nicht. Anders als in der Krise zur Jahrtausendwende sind die Unternehmen diesmal nicht mit einer hohen Verschuldung und Überkapazitäten in die Krise gegangen.

Wann droht aus Ihrer Sicht Gefahr?

Es wird so lange keine Probleme mit der Inflation geben, bis wir anfangen, unser Geld wieder verstärktfür Luxus-Artikel auszugeben und damit die Industrie an ihre Kapazitätsgrenzen bringen. Wenn ich mich mit meinem Nachbarn einmal wieder um den letzten Sportwagen beim Händler streite und dem Hersteller wieder eine Preismacht einräume, kann man sich Sorgen machen.

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Kommentare zu " Interview mit Thomas Grüner: „Der Mensch ist nicht für die Börse gemacht“"

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  • Schauen Sie sich doch mal die Entwicklung von Grünes Fonds (WKN A0MRAA) an. Da kann ich das Geld auch meinem Hamster anvertrauen, der macht das ganz sicher nicht schlechter.

  • @aruba

    Da haste mit der Fleischbrühe natürlich recht. Mit der Definition kann man geteilter Meinung sein.

  • 2007 sind Kleinanleger am DAX-ATH ausgestiegen - was haben damals die Fonds gejammert, dass Anleger sich von Anteilen verabschieden.

    Da hat der Grüner ausgerufen, dass der DAX auf 10T Punkte steigt.

    Am 18 Juli 2008 schreibt Gründer folgendes
    "Vor allem halte ich die Schlussfolgerung für gewagt, dass die Aktienmärkte wegen dem angeblich zu hohen Optimismus nicht ansteigen sollten."

    Also sollten die Anleger nun Angst haben oder nicht ? War zuerst das Kücken da oder die Henne ?
    Oder können es die einen wirklich und die anderen labern ganze Magazine und schmieren Flip-Charts voll ?

    Einmal dürfen Sie raten, wo ich Herr Grüner (und die ganze Analysten-branche) haargenau einordne

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