John Reed will Vorsitz des weltgrößten Aktienmarkts noch in diesem Jahr abgeben
New Yorker Börse sucht dringend neuen Chef

Der größte Aktienmarkt der Welt erhält bald einen neuen Chef. Am Donnerstag traf sich der frisch gewählte Vorstand der New Yorker Börse (Nyse), um über die Nachfolge von Interimschef John Reed zu diskutieren. Auf der Tagesordnung stand außerdem die Aufarbeitung der Affäre um den Ex-Chef Richard „Dick“ Grasso und die Ermittlungen gegen fünf Maklerfirmen an der Nyse. Bis Redaktionsschluss wurden keine Ergebnisse der Beratungen bekannt.

NEW YORK. „Reed hat klar gemacht, dass er bis zum Jahresende seinen Nachfolger finden und sich zurückziehen will“, sagte ein New Yorker Banker, der über den Prozess der Kandidatensuche informiert ist. „Deshalb ist jederzeit mit einer Ernennung zu rechnen“, sagte der Banker weiter.

Gerüchten zufolge hat der hochrangige Manager der Investmentbank Goldman Sachs, Jerry Corrigan, das Nyse-Spitzenamt bereits angetragen bekommen und abgelehnt. Als einstiger Chef der regionalen New Yorker Notenbank (New York Fed) verfügt Corrigan über Erfahrungen in der Finanzaufsicht ebenso wie im privaten Bankwesen. Er wäre somit ideal geeignet gewesen für die Doppelrolle, die der künftige Chairman und Chief Executive Officer (CEO) der Nyse ausübt.

Denn der Nyse-Chef ist sowohl oberster Manager als auch Chefregulierer des 211 Jahre alten Aktienmarktes. Als Selbstregulierungsorganisation überwacht die weltgrößte Börse sich weitgehend selbst. Kritiker warfen dem langjährigen Börsenchef Grasso vor, er habe sich zu stark auf das Management und zu wenig auf die Regulierung konzentriert. Auch sein Gehalt entsprach eher dem eines Großbankmanagers als einem Amtsleiter. Grasso trat gezwungenermaßen zurück, nachdem sein 187,5 Mill. $ schweres Ruhestandspaket öffentliche Empörung ausgelöst hatte.

Ende September trat John Reed als Interimschef an. Der ehemalige Co-Chef des weltgrößten Finanzdienstleisters Citigroup kehrte dafür aus dem Ruhestand zurück. Seitdem hat Reed den Nyse-Vorstand bis auf zwei Mitglieder komplett ausgewechselt und eine neue Führungsstruktur für die Nyse vorgeschlagen. Die Nyse-Mitgliedsfirmen haben dem Reformentwurf bereits zugestimmt, nun muss ihn die Börsenaufsicht SEC noch genehmigen.

Reed will nicht auf die Kandidatenliste

Trotz seiner schnellen Erfolge will Reed die Nyse nicht auf Dauer führen. „Ich stehe nicht auf der Liste, und wenn ich dort stünde, würde ich meinen Namen streichen“, sagte Reed über die Kandidatenliste, die er gestern erneut mit dem neuen Nyse-Vorstand beriet. Bereits in der vergangenen Woche hatte das Gremium über die Nachfolgefrage debattiert. „Ich möchte die Nyse auf eine neue Basis stellen und mich danach verabschieden“, sagte Reed, der für seine Dienste ein symbolisches Gehalt von einem Dollar verlangt.

Laut Presseberichten hat die Nyse zusammen mit einer Personalberatung bereits acht bis zehn Kandidaten ermittelt, die für das Spitzenamt in Frage kommen. Reed hat erklärt, dass er vorläufig im Amt bleiben würde, falls sich kurzfristig kein geeigneter Nachfolger findet.

Neben der Nachfolgefrage befasste sich der Nyse-Vorstand gestern mit den Ermittlungen gegen fünf Maklerfirmen. Die so genannten Specialists, die das Orderbuch für jede Nyse-notierte Aktie führen, sollen über Jahre von ihrem Insiderwissen über offene Kauf- und Verkaufsaufträge profitiert haben. Außerdem prüft die Nyse derzeit, welche rechtlichen Verpflichtungen und mögliche Ansprüche gegenüber dem geschassten Ex-Chef Grasso bestehen.

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