Kommentar
Ende einer Wohlfühlphase

Die Zahlen des Tages haben eines gemeinsam: Sie zeigen, dass Anleger dem Braten nicht mehr trauen können.
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Wer es noch nicht gemerkt hat - heute war der Tag. Heute hat die Glocke geläutet. Es war nicht die Alarmglocke, aber doch so etwas wie der Küchenwecker: Der Braten muss raus, bedeutet das. Von nun an wird er nur noch trockener.

Was Rang und Namen hat, legt in diesen Tagen Zahlen vor. Siemens erklärte seinen Anlegern heute, dass es gut läuft, dass aber ein, zwei unvorhergesehene Kalamitäten im Reich des Dax-Schwergewichts für Ausfälle sorgen und dass die Zukunft auch schon mal sicherer war. Lufthansa ist auf dem gleichen Tripp. Das Ergebnis steigt im gleichen Maß wie die Unsicherheit darüber, wie lange die Wohlfühlphase anhält. Und dann VW: Niemals waren sie so groß wie heute - drei Michelin-Sterne wären fällig gewesen, um im Küchenjargon zu bleiben. Doch wie es so ist: Wer alles hat, für den kann es an sich nur noch abwärts gehen. So sahen das die Börsianer heute und schickten die Aktie zeitweise um mehr als fünf Prozent auf Talfahrt. BASF und Bayer - auch sie bedachte das Schicksal ähnlich.

Die Unsicherheit hat einen Namen: In Europa tobt die Schuldenkrise der Staaten. Griechenland, Portugal und Irrland sind heute dran, Italien, Spanien und sogar Frankreich warten in der Schlange, in der am Ende auch Deutschland steht. Schließlich soll niemand sagen, dass ausgerechnet wir unsere Schulden im Griff haben. Die Schuldenkrise belastet den Euro. Die billige Währung ist jedoch ein ungesunder Turbo für die Wirtschaft. Letztlich kann es nicht gut gehen, seinen Absatz mit Hilfe des billigen Euro anzukurbeln.

Die Schuldenkrise ist auch jenseits des Atlantiks ausgebrochen. Dabei ist weniger der Streit um die Anhebung der Schuldenobergrenze entscheidend, als vielmehr die Tatsache, dass die Amerikaner die Finanzkrise so viel Geld gekostet hat, dass sie es auch drei Jahre nach dem Höhepunkt des Desasters nicht vermögen, ihre Staatskasse unter Kontrolle zu halten.

Gebeutelt von allem, was mit Staatsschulden zu tun hat, sind die Finanzwerte. Allianz und Münchner Rück gehören in diesem Jahr zu den größten Verlierern an der Börse. Die Versicherer verdienen längst ihr Geld als Investoren und haben es selbst entsprechend schwer, sichere Anlagen auszuwählen.

Zugegeben, so richtig neu ist das alles nicht. Die Konjunkturforschungsinstitute haben den Wecker längst gestellt. Sie signalisieren schon seit Monaten eine Klimaabkühlung. Und der Arbeitsmarkt, der heute wieder eher positiv von sich reden machte, wird der Stimmung mit der ihm eigenen Verspätung um so deutlicher folgen. Die Zeit des Ignorierens nämlich ist vorbei. Den Drang der Anleger, jetzt Gewinne zu Geld zu machen, hält niemand auf. Die Zeit der Unsicherheit - sie beginnt aufs Neue.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

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