Kommentar Hilflose Politik

Das Verbot von Leerverkäufen kuriert nur Symptome, nicht die Ursachen der Schuldenkrise.
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Jörg Hackhausen ist Finanzredakteur des Handelsblatt. Quelle: Pablo Castagnola

Jörg Hackhausen ist Finanzredakteur des Handelsblatt.

(Foto: Pablo Castagnola)

DüsseldorfAls an den Börsen der Teufel los war, waren sie in den Ferien. Die Aktienkurse stürzten ab, vor allem die der europäischen Banken. Die Kosten für Ausfallversicherungen für Staatsanleihen schossen in die Höhe. Nachdem sogar der Kern der Eurozone – Frankreich und Deutschland – ins Visier der Investoren geraten war, konnte die Politik nicht länger zusehen. Jetzt haben sich die Mächtigen Europas in aller Eile gehandelt. Ein starkes Signal wollen sie senden - mal wieder: Spekulation gegen Europa lohnt sich nicht.

Das mag gut gemeint sein. Gut gemacht ist das aber noch lange nicht. Etwas Besseres als das Verbot von Leerverkäufen fällt der Politik nicht ein; zumal dies auch nur in vier europäischen Ländern, nur für Finanzaktien und nur für zwei Wochen gelten soll.

Die Erfahrung zeigt, dass solche Verbote wenig bringen. Den Investoren bleiben andere Möglichkeiten und andere Handelsplätze, um gegen Banken, Staaten oder den Euro zu wetten. Und wenn es schlecht läuft, verunsichert ein solcher Aktionismus die ohnehin schon nervösen Markt noch mehr.

Das Verbot geht am Kern vorbei: die wahren Probleme sind der riesige Schuldenberg und die nach wie vor wackeligen Bankbilanzen. Natürlich nutzen die "bösen" Spekulanten die Situation aus. Aber Leerverkäufe oder steigende Preise für Ausfallversicherungen sind ein Symptom der Krise, nicht die Ursache. Das sollte nicht durcheinander geraten.

Die Politik muss eine überzeugende Lösung für die Schuldenkrise vorlegen. Wenn sie stattdessen Leerverkäufe untersagt, ist das eher ein Ausdruck der Hilflosigkeit als ein starkes Signal. Am kommenden Dienstag wollen sich Sarkozy und Merkel treffen. Hoffentlich kommt dabei mehr heraus. Sonst hätten sie gar nicht erst aus den Ferien zurückkehren müssen.

  • hac
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9 Kommentare zu "Kommentar: Hilflose Politik"

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  • Danke für diesen guten Beitrag, ich hatte nach dem Lesen der anderen Artikel heute hier auf der Site an der Kompetenz der Schreiber dieser Zeitung gänzlich gezweifelt.

  • Sie haben recht, daß die Politik mit ihrem Hang zum Geldausgeben eine wesentliche Ursache der aktuellen Probleme ist. Trotzdem sollen und müssen alle Finanztransaktioen verboten werden, die nicht direkt zur Wertschöpfung einer Volkswirtschaft beitragen. Leerverkäufe zB. tragen nicht zur Wertschöpfung bei.

  • Herr Hackhausen, was Sie schreiben, dürfte außerhalb Ihrer Redaktion nur Zustimmung im Promillebereich erfahren.
    Ein ziemlicher Brocken dieses ganzen Schlamassels rührt von der Finanzkrise her. Egal ob die politischen Reaktionen damals richtig waren oder nicht: Greinende Banker baten die Staaten, ihnen mit Steuergeldern zu helfen, was wir Steuerzahler dummerweise auch taten. Ein Jahr später wurden schon wieder die ersten Boni bezahlt. Das kommt beim "kleinen Mann" mittlerweile überhaupt nicht mehr gut an - und das ist gut so.
    Zitat: "Den Investoren bleiben andere Möglichkeiten und andere Handelsplätze, um gegen Banken, Staaten oder den Euro zu wetten."
    Soso. Wenn ich wetten will, gehe ich auf die Rennbahn, wenn ich zocken will, ins Casino. Da kann ich herrlich mich und meine Familie ruinieren. Das war's. Da hilft keiner.
    Investmentzocker (je nach Größe) sind aber in der Lage, ganze Staaten an die Wand zu fahren. Tut mir leid, aber die große Mehrheit der Menschen hat dafür kein Verständnis. Daran wird sich auch nichts ändern - im Gegenteil.

  • Leerverkäufe sind kein Symptom, sondern ein Hebel,
    Pokern mit einem leeren Blatt!
    Steigende Preise für Versicherungen - bei steigendem Risiko wegen höherer Verschuldung - sind ein Symptom.

    Aber ist Pokern ein normaler Broterwerb in einer realen Wirtschaft, die letztendlich seit der Steinzeit der Bedarfsbefriedigung dient: Geld kann man nicht essen, sondern ist nur Mittel des Wertaustausches.

  • "Das Problem ist der riesige Schuldenberg. Den haben nicht die bösen Spekulanten angehäuft, und es ist auch nicht deren Aufgabe, diesen abzutragen."

    ROFL. Na sicher: mit der Finanz- und Wirtschaftskrise haben die Spekulanten nichts zu tun. Ramschanleihen wurde nicht von Finanzinstituten gestückelt und gehandelt. Rettungspakete, weltweit in Billionenhöhe angesetzt, wurde nur getätigt um das arme Volk zu schützen. Entsprechende Schuldenexplosionen sind nur die Schuld der politik, die nr das gemacht hat, wonach die Neoliberalen alle geschrien haben: mehr Markt, weniger Staat.

    Und jetzt das Ergebnis, welch ein "ZUFALL"

    So ein Artikel zeigt, das es Zeit ist, mit diesem ganzen Börsengedöns aufzuräumen.






    Natürlich nutzen sie die Situation aus. Aber Leerverkäufe oder steigende Preise für Ausfallversicherungen sind ein Symptom der Krise, nicht die Ursache. Das sollte nicht durcheinander geraten.

  • Stimmt, da muß das Strafrecht her. Wer ein Wertpapier zu einem bestimmten Zeitpunkt kauft, um es dann zum Spottpreis zu erwerben, darf nicht unter 10 Jahre Zwangsarbeit auf Maos Rübenfeldern davonkommen.

  • "Druck zur Wende kann es jetzt nur noch über die Finanzen geben."

    Und zwar nur, indem das Casino-Gebaren der Finanzjongleure, für das die Bevölkerung (arbeitende Masse, Transferempfänger) bluten müssen, geräumt wird.

  • Weder Leerverkäufe noch Staatsschulden sind das eigentliche Problem, sondern dass private Verluste sozialisiert werden/wurden. Ohne Bail-Out gäbe es keine Staatsschuldenkrise (jedenfalls nicht in diesem Ausmass) und damit auch keine Probleme durch Leerverkäufe. "Too big to fail" hätte nie sein dürfen.

  • endlich mal ein klarer Kommentar.
    Die Politiker sollten sich zusammensetzen und die Gesetze beschließen bzw. abschaffen, die uns den überbordenden Schuldenberg abtragen lassen. Da wir inzwischen in einer Gesellschaft leben,in der die Bezieher von Transfereinkommen (Harz, Renten, öffentlicher Dienst) die wahlberechtigte Mehrheit stellen, müssen wir von den Politikern nichts erwarten. Druck zur Wende kann es jetzt nur noch über die Finanzen geben.

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