Krise an der Wall Street
Wenn nur noch Beten hilft

Fernsehkameras, Polizeziaufgebot, eine ganze Batterie von Übertragungswagen mit riesigen Satelliten-Schüsseln, die New Yoker Börse wirkt an diesem Freitag Morgen, wie eine Festung im Belagerungszustand. Die meisten Händler sind auf dem Weg zur Arbeit ausgesprochen wortkarg.

Lust auf Erklärungen haben die wenigsten, die meisten verschwinden sofort aus den U-Bahnschächten hinter den schwarzen Absperrgittern, die den Eingang zur Börse abschirmen. Kein Wunder, die Märkte haben die schlimmste Woche seit 70 Jahren hinter sich - von nackter Panik ist die Rede, von einem Kreislauf der Angst, der sich ständig selbst verstärkt.

Nichts kann die Anleger beruhigen, weder die Teilverstaatlichung der Banken in Großbritannien, und die Aussicht, dass die USA bald nachziehen, noch die konzertierten Zinssenkungen der großen Notenbanken. Am Donnerstag erlebte der Dow Jones Index seinen schlimmsten Absturz seit dem schwarzen Montag 1987. Und am Freitag geht es in den ersten Handelsminuten gleich wieder um 600 Punkte abwärts, zum ersten Mal seit vier Jahren sackte das Börsenbarometer unter die Marke von 8 000 Punkten.

"So etwas habe ich noch nie erlebt, und ich hoffe ich muss es nie wieder erleben", sagt Harry Kohn. Seit knapp zehn Jahren arbeitet er als Aktienhändler an der Wall Street. Und mit einem Kopfschütteln fügt er hinzu: "Selbst den erfahrendsten Leuten steht die nackte Angst ins Gesicht geschrieben."

"Jetzt richten sich alle Augen nach Washington", sagt Kohn. Dort sitzen am Wochenende die Regierungschefs und Finanzminister der mächtigsten oder derzeit vielleicht auch der ohnmächtigsten Industriestaaten der Welt zusammen, um einen Ausweg aus der Krise zu suchen. "Die müssen jetzt die Welt retten, und das ist keine Übertreibung".

Manchmal scheint in diesen Tagen nur noch beten zu helfen. Ein paar Schritte von der Wall Street entfernt steht die altehrwürdige Trinity Church, eine kleine grüne Oase inmitten des Beton-Dschungels von Downtown-Manhattan. Die große Krise macht offenbar auch harte Banker fromm. Seit ein paar Wochen hat sich die Zahl der Gläubigen, die die Mittagsandacht besuchen auf rund 100 verdoppelt. "Die Leute suchen Raum zum Nachdenken, und um zur Ruhe zu kommen", sagt Pfarrer Mark Bozutti-Jones.

Später beruhigt sich die Lage auch an der Börse etwas. Eine Stunde nach Handelsbeginn liegt der Dow Jones-Index "nur" noch mit zwei Prozent im Minus. Die US-Regierung hat wieder einmal dramatische Schritte angekündigt. Finanzminister Hank Paulson denkt offenbar über eine Garantie für die Sparkonten der Amerikanier und die Schulden der Banken nach.

Es wäre der bislang dramatischste Eingriff in den Markt und vielleicht bringt er ja die Wende. Aber Händler Harry Kohn will daran noch nicht recht glauben, "in den vergangenen Tagen hat der große Ausverkauf auch erst in der letzten Handelsstunde begonnen" warnt er und zieht hektisch an seiner Zigarette, dann tritt er sie aus, zuckt resigniert mit den Schultern und verschwindet wieder an seinen Arbeitsplatz.

Und so sind es die Journalisten der Boulevard-Zeitung New York Post die für die einzig wirklich gute Nachricht an diesem Vormittag an der Wall Street sorgen. "Aktienkurse steigen rasant", titelt die Zeiung - allerdings mit der kleinen Einschränkung "in Bagdad". Tatsächlich kletterten im Irak die Kurse in den vergangenen vier Wochen um 40 Prozent, weil sich die Sicherheitslage etwas beruhigt hat. Von Beruhigung kann an der Wall Street allerdings noch keine Rede sein.

Auch Briten suchen kirchlichen Trost

Auch in Großbritannien wird anlässlich der Finanzkrise kirchlicher Trost und Beistand gesucht: Fast 8 000 mal sei das „Gebet für die gegenwärtige Finanzlage“ auf der Internetseite der Anglikanischen Kirche angeklickt worden, teilte die Kirche am Freitag mit. Die Gläubigen suchen außerdem nach Rat: Der Zuspruch zu einem Ratgeberteil der Seite, der sich mit Verschuldung befasst, stieg in den vergangenen Wochen um 71 Prozent.

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