Langfristig gute Perspektiven, kurzfristig droht Korrektur
Europa-Euphorie treibt Istanbuler Börse an

Als „Eroberer Europas“ ließ sich der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bei seiner Rückkehr vom EU-Gipfel bejubeln. Auch die Anleger feiern die Zusage für EU-Beitrittsverhandlungen: Der Istanbuler Aktienindex ISE-100 kletterte zum Wochenauftakt über 24 350 Zähler. Das war, in Lira gerechnet, ein neues historisches Hoch für die Bosporus-Börse und in Euro der höchste Stand, seit das Land vor fünf Jahren in den Status eines Beitrittskandidaten aufgestiegen war. Gestern verlor der Index allerdings rund ein Prozent.

HB ISTANBUL. Seit Mai hat der ISE-100 bereits über 40 Prozent zugelegt. Damit ist schon viel Europa-Euphorie eingepreist. In den kommenden Wochen könnte es deshalb zu Kursrückschlägen kommen. Vor allem die bereits weit ausgereizten Finanztitel gelten als anfällig für Gewinnmitnahmen. Bis zum Beginn der eigentlichen Beitrittsverhandlungen könnte außerdem die ungelöste Zypernfrage für innenpolitische Auseinandersetzungen in Ankara sorgen – darauf reagierte die Istanbuler Börse schon in der Vergangenheit höchst nervös. Auf längere Sicht aber sehen die meisten Analysten steigende Kurse. „Die Türkei ist auf einem sehr guten Weg“, sagt Haydar Acun, Chefvolkswirt beim Brokerhaus Gedik Investment Securities. „Jetzt werden sich viele Dinge zum Besseren wenden“.

Zumal die makroökonomischen Vorgaben gut sind. In diesem Jahr dürfte die türkische Wirtschaft um rund sieben Prozent wachsen – das ist Europarekord. Für die kommenden drei Jahre rechnet die Regierung mit einem Wachstum von jeweils rund fünf Prozent. Nicht nur der Binnenmarkt des Landes, dessen Bevölkerung ein Durchschnittsalter von nur knapp 27 Jahren hat (Deutschland: 41,3), boomt. Auch die türkische Exportwirtschaft eilt von einem Re-kord zum nächsten. Geplante Steuersenkungen dürften der Konjunktur weitere Impulse geben. „Wir werden die Unternehmenssteuern 2005 unter 30 Prozent drücken und schrittweise auf das Niveau jener Länder bringen, mit denen wir künftig konkurrieren“, sagt Finanzminister Kemal Unakitan.

Zu den Branchen, die von der EU-Perspektive des Landes besonders profitieren dürften, gehören die Finanzdienstleister, die Automobilindustrie und die Lebensmittelverarbeiter. „Auch die Elektrotechnik wächst kräftig, und wahrscheinlich wird IT das nächste Gebiet sein, auf dem die Türkei zumindest in Teilbereichen international konkurrenzfähig wird“, sagt Marc Landau, Geschäftsführer der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer in Istanbul. Für gute Stimmung unter den Anlegern sorgt auch das Privatisierungsprogramm. Vor zehn Tagen kassierte Finanzminister Unakitan mit dem Verkauf von 23 Prozent der Aktien der Fluggesellschaft Türk Hava Yollari (THY) rund 200 Mill. Euro. Die Emission war fünffach überzeichnet. Im kommenden Jahr stehen Aktienpakete der Fernmeldegesellschaft Türk Telekom, des Raffineriekonzerns Tüpras, des Petrochemie-Unternehmens Petkim und des TabakMonopolisten Tekel zum Verkauf.

Engagements in einzelnen türkischen Aktien sind allerdings wegen der teils hohen Volatilität der einzelnen Titel und ihrer geringen Liquidität an deutschen Handelsplätzen nur risikobewussten Privatanlegern zu empfehlen. Als Länderfonds bieten sich der Türkei 75 Plus von der Ceros Vermögensverwaltung, der Türkisfund Equities des deutschen Ablegers der türkischen Is Bank oder der Espa Stock Istanbul der Ersten Sparinvest in Wien an. Auch einige Osteuropa-Fonds mischen Türkei-Aktien bei – und federn damit die traditionell hohe Volatilität anatolischer Dividendentitel etwas ab.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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