Lehman-Special
Warum die Börse in der Krise versagt hat

Lehman und die Folgen: Investoren fliehen aus den Aktienmärkten, weil plötzlich jeder die Weltrezession fürchtet. Doch warum so spät? Schon im Sommer 2007 mehrten sich die Zeichen der Krise, doch die Börsen setzten wenig später zu einem neuen Höhenflug an. Was im Nachhinein sonnenklar erscheint, mochten Börsianer lange Zeit nicht wahrhaben - dafür gibt es Gründe.

DÜSSELDORF. Schon im Sommer 2007 beantragte ein Dutzend amerikanischer Baufinanzierer Gläubigerschutz und teilte die Investmentbank Bear Stearns den Kunden ihrer Hedge-Fonds mit, dass die mit 1,5 Mrd. Dollar bewerteten Einlagen praktisch wertlos seien. Doch die Aktienmärkte knicken nur kurz ein, ehe sie zur Jahreswende Höchststände erklimmen.

Üblicherweise bilden die Finanzmärkte Trendwechsel der Realwirtschaft sechs bis zwölf Monate vorher ab. Zuletzt gelang ihnen das im Frühjahr 2003: Die Börsen starteten durch und kündigten den nächsten Boom ab 2004 an. Doch diesmal versagt die Börse als Frühindikator. Dabei fehlt es nicht an düsteren Szenarien: Fallende Häuserpreise drücken den Konsum und damit die Firmengewinne, weil der verminderte Immobilienwert den Kreditrahmen für die meist ohnehin hochverschuldeten Verbraucher einschränkt.

Doch was im Nachhinein sonnenklar erscheint, mochten Börsianer lange Zeit nicht wahrhaben. Die Gründe dafür erklären das Zuspätkommen der Börse. Erstens fehlte Anlegern der historische Vergleich. Kaum jemand vermochte beim Ausbruch der Immobilienkrise einzuschätzen, ob und wie faule Kredite die vernetzte Weltwirtschaft in Mitleidenschaft ziehen. Japans Immobilienblase Ende der 80er-Jahre eignete sich nicht als Vergleich, denn die Häuserpreise in den USA erreichten nicht annähernd das schwindelerregende Niveau Japans.

Außerdem orientierte sich die Börse an klassischen Konjunkturzyklen und lief so in die Falle. In der Vergangenheit zogen fast immer gesamtwirtschaftliche Störungen den spätzyklischen Bausektor in Mitleidenschaft - und nicht umgekehrt. Doch diesmal ist alles anders. Für Bankenkrisen als Folge einer schweren Rezession gibt es viele Beispiele, für Konjunktureinbrüche als Folge von Bankenpleiten aber kaum.

Verzerrt wurde das Bild, weil die Verwerfungen im Finanzsektor auf eine robuste Wirtschaft trafen. Firmengewinne und -margen stiegen auf Rekordhöhe. Besonders die vielen deutschen exportorientierten Industriefirmen profitierten vom Weltwirtschaftsboom. An der Börse machte die These von der Abkopplung der Schwellenländer die Runde. Gemeint war, dass ein US-Abschwung den Rest der Welt weniger als früher treffen werde.

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