Leitzinserhöhung in USA könnte die Hausse dämpfen
Börsianer in Brasilien beschwören den Boom

Die Luft an der brasilianischen Börse wird dünner: Mit rund 18 000 Punkten hat der Bovespa-Index in São Paulo dieses Jahr in Dollar rund 100 % zugelegt – so stark wie kein anderes Kursbarometer. Die Frage ist nun, ob der Börsenboom anhält. Die meisten Experten halten weitere Kursgewinne in den nächsten Monaten für möglich – sofern aus dem Ausland keine Dämpfer kommen.

SAO PAULO. Als Voraussetzung für steigende Kurse gelten sinkende Leitzinsen – was wahrscheinlich ist, denn es gibt Raum für Zinssenkungen unter 20 %. Zum Jahresende dürfte die Inflationsrate auf 9 % gesunken sein.

Eine besseres Rating ist ebenfalls Voraussetzung für anhaltende Kurssteigerungen: Bereits jetzt ist das Länderrisiko Brasiliens, gemessen am Aufschlag heimischer Bonds gegenüber US-Anleihen, auf unter 600 Basispunkte (6,00 Prozent) gefallen. Bei einem Risikoaufschlag von 500 Punkten und weiter steigenden Unternehmensgewinnen von durchschnittlich 25 % rechnet Jorge Simino vom Unibanco Asset Management mit einem Indexziel von 23 000 Punkten in den nächsten zwölf Monaten, also mit einem Potenzial von rund 30 %. Simino begründet seinen Optimismus mit der wohl bevorstehenden Konjunkturerholung. Positiv wirken sich die Reformen der Regierung des Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva aus. Der ist weiter höchst populär, was wiederum seine Koalition stärkt.

Die Risiken liegen in der weiterhin hohen Anfälligkeit der brasilianischen Volkswirtschaft gegenüber Einflussfaktoren aus dem Ausland: Zwar erwirtschaftet die Regierung im Bundeshaushalt – ohne Zinszahlungen – einen Überschuss von 4,25 %, und erstmals wird dieses Jahr auch die Leistungsbilanz wegen der stark gestiegenen Exporte ausgeglichen sein. „Dennoch ist die Verschuldung weiterhin hoch“, sagt Stephen Poloz, Chefökonom der kanadischen Exportförderbank EDC. Mit einer Verschuldung von 56,5 % im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung könnte Brasilien bei einer Krise erneut ins Strudeln geraten. Brasiliens Börsenentwicklung bleibt deshalb stark von der externen Liquidität und Zinshöhe abhängig. Je wahrscheinlicher Zinserhöhungen in den USA werden, desto eher könnte sich das schon bald dämpfend auf die Aktienkurse in Sao Paulo auswirken. Auch könnte sich der erhoffte Konjunkturaufschwung als Strohfeuer erweisen.

An der brasilianischen Börse haben sich in den letzten Wochen vor allem die Aktien der Unternehmen aus Petrochemie, Stahl und Lebensmittelexporteure stark verbessert. Der Chemiekonzern Braskem legte seit Jahresanfang über 300 % zu, der Stahlhersteller Usiminas über 400 %. Dennoch erwarten die Analysten, dass Petrochemie-Aktien wie Braskem oder auch Unipar noch Potenzial haben. Die Unternehmen profitieren davon, dass sie wegen des starken Reals ihre Schulden in Dollar abbauen konnten und hoffen nun auf die anziehende Konjunktur. „Außerdem arbeitet die Petrochemie weltweit an der Kapazitätsgrenze, was auch in Brasilien zu steigenden Preisen führen wird“, sagt Analyst Gilberto P. de Souza von Itau Equity Research. Bei den Stahlaktien sehen die Experten eine wachsende Nachfrage in der Bauwirtschaft, der PKW-Industrie und im Maschinenbau. Von der anhaltenden Weltnachfrage profitieren Exporteure wie CST. Bei den Aktien der Telekombranche raten die Analysten jetzt, von den Festnetzbetreibern auf die Mobilfunkanbieter zu wechseln. „Auf eine Nachfrageerholung reagieren die Handykonzerne schneller“, sagt Daniel Doll Lemos von der Corretora Socopa. Für die wenig konjunkturabhängigen Lebensmittelkonzerne wie Sadia oder Perdigão erwarten die Analysten nach den starken Kursgewinnen kaum noch Steigerungsmöglichkeiten. Auch für die Energieaktien sind die Aussichten vorerst nicht gut, weil die Regierung noch kein Modell vorstellen konnte, nach dem der Sektor zukünftig die Tarife regeln wird. Bei Bankaktien ist ebenfalls die Luft heraus, weil die sinkenden Zinsen auch die Gewinne der Finanzinstitute schmälern werden.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%