Leser fragen Dirk Müller
„De facto ist das schon der Staatsbankrott“

Kann Griechenland noch gerettet werden? Wann ist Deutschland pleite? Brauchen wir ein neues Geldsystem? Das sind Fragen unserer Leser, die der Börsenmakler und Bestsellerautor Dirk Müller beantwortet.
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Sebastian Cla: Für wie wahrscheinlich halten Sie die Möglichkeit, dass alle Maßnahmen Griechenland betreffend fruchten und ein Staatsbankrott noch abgewendet werden kann?

Dirk Müller: Für ausgesprochen gering. Die Entscheidungen der letzten ‚Brüsseler Runde’ sind ja de facto schon der Staatsbankrott, wenn auch anders benannt. Die gestrigen unerklärlichen Entwicklungen um eine angesetzte Volksbefragung machen eine ungeordnete Staatspleite inklusive Euroaustritt Griechenlands noch wahrscheinlicher.

Dirk Gerhardt: Sind wir nicht nach klassischen Maßstäben schon lange insolvent?

Müller: Würden wir eine saubere Buchhaltung machen und alle Verpflichtungen mit einrechnen, sicherlich ja. Aber es ist wie beim Privatmann: So lange Ihre Bank Ihnen immer weiter die Kreditlinie erhöht, haben Sie kein Problem. Sie sind zahlungsfähig. Erst wenn die Bank den Hahn zudreht, sind Sie insolvent. Das ist beim Staat nicht anders. So lange er – woher auch immer – neue Kredit bekommt, um seine Rechnungen bezahlen, spielt der Schuldenstand keine Rolle. 50, 120 oder 200 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt sind egal, so lange der Staat weiter Geld bekommt - bis die Finanzmärkte den Hahn zudrehen.

Oliver Erlitz: Wie schätzen Sie die Konsolidierbarkeit des deutschen Staatsdefizits ein?

Müller: Gar nicht. Da Geld nur durch Kreditvergabe entsteht, bedeutet das: Wenn man Schulden vernichtet, muss man gleichzeitig Geld vernichten. Wenn der Staat jetzt durch höhere Steuern Kredite zurückzahlt, hat er es entweder dem Bürger aus dessen Ersparnissen weggenommen oder der Bürger hat es durch Wirtschaftswachstum und neue Kreditaufnahme zuvor aufgenommen. Dann sind lediglich die Schulden des Staates zu den Schulden der Bürger geworden, was für diesen keinen Unterschied macht. Er kann die Last nicht mehr tragen. Das Problem ist nicht nur der Schuldenstand des Staates, sondern der des Gesamtsystems.

Cornelius Grätz: Wie realistisch ist, dass Politik und Banken weitreichende Maßnahmen erarbeiten und umsetzen, die Krisen dieser Art künftig vermeiden?

Müller: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Das Grundproblem liegt im Zinseszins und in der Art der Geldschöpfung - da heißt Geld als Schuldgeld, geschöpft von privaten Banken. Dieses System ist so stark über Jahrzehnte und teilweise Jahrhunderte verwurzelt, dass ein Aufbrechen nicht wahrscheinlich ist. Bestenfalls gelingt es mit vereinten Kräften und dem Druck der Bevölkerung, die auf Dauer schädlichen Teile des Mechanismus in stärkerem Maße als bislang zu entschärfen. Eine völlige Neustrukturierung des Geldsystems wäre wünschenswert, aber nicht realistisch umsetzbar.

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  • Sie habe die "Weißheit" aber auch nicht mit Löffeln gefressen.

    "Aus Sicht des einzelnen Anleger gibt es keinen Zinseszins."
    Heben Sie ihre Zinsen nicht vom Sparbuch ab, dann verzinsen sich doch die gutgeschriebenen Zinsen oder ?

    Ich halte viel von Herrn Müller. Aber mit seiner Zinseszinstheorie ist er voll daneben. Er und Sie sollten mal Hayek, von Mises, Jesus Huerta de Soto, Hülsmann lesen um nur ein eiinige zu nennen um zu verstehen was der Zins überhaupt ist und welche Koordinierungsfunktion er in einer Volkswirtschaft ausübt.


  • "Ein zinseszinsloses System wäre überdenkenswert, aber das werden wir wohl nicht mehr erleben".
    Herr Müller, wenn Sie gegen Zinseszinsen sind, dann müssen Sie auch grundsätzlich gegen Zinsen sein.
    Wenn das so ist, dann machen Sie sich in meinen Augen vollkommen lächerlich.
    Wenn die Marktteilnehmer das verliehene Geld nach Erhalt der Zinsen wieder anlegen, dann ist das doch der gleiche Effekt wie die Zinseszinsen.

    Also müßten Sie gegen Zinsen sein, da man den Zinseszins-Effekt somit nicht verhindern kann.

    Was halten Sie dann von Zinsen als Ausdruck der Zeitpräferenz ? Es gibt doch keinen Menschen der seine Ersparnisse einem anderen gibt um das gleiche in Jahren wieder zurück zu bekommen oder täusche ich mich da ?
    So sind halt mal die Menschen.

  • So so, und Sie wollen die Weißheit haben, welche Herr Müller nicht hat? Natürlich gibt es den Zinseszinseffekt bei Staatsanleihen. Klar Sie haben Recht wenn Sie sagen Zinsen werden jährlich bezahlt, jedoch ist zu bedenken das diese Zinsen wiederum durch erneute Kreditaufnahme bezahlt werden. Dies kommt de facto einem Zinseszinseffekt für den Staat gleich. Aus Sicht des einzelnen Anleger gibt es keinen Zinseszins.

    Ich hoffe meine Ausführung wurden verstanden. Wenn nicht, mal einen kompetenten Banker fragen! :D

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