Londons Metallbörse LME
Die Herren des Ringes

Tradition trifft auf Moderne: Die London Metal Exchange ist einer der letzten lebendigen Handelssäle in der europäischen Börsenlandschaft. Mithandeln darf nur, wer einen Platz auf dem roten Handels-Sofa ergattert.

LONDON. Fast wirkt es, als sei man zu Besuch im Börsenmuseum. Ein dutzend Händler sitzen auf einem kreisrunden mit rotem Leder bezogenen Sofa und brüllen sich gegenseitig Orders zu, wenn sie nicht gerade hektisch in ihre Notizbücher Kritzeleien oder wilde Handzeichen austauschen. Egal ob Sprache oder Gesten, was hier verhandelt wird, ist für den Außenstehenden in etwa so verständlich wie Quantenphysik für den Normalbürger.

Willkommen an der London Metal Exchange (LME), einem der letzten lebendigen Handelssäle in der europäischen Börsenlandschaft. Ein Relikt mit langer Tradition - das kreisrunde Sofa nennt sich Ring, und der Name geht zurück auf das 19. Jahrhundert, als sich die Londoner Metallhändler noch im Jerusalem Coffee House auf dem Cornhill mitten in der heutigen City trafen. Hatte einer der Händler damals eine Position Eisenerz oder Kupfer zu verkaufen, malte er mit seinem Stock einfach einen Kreis in das Sägemehl auf dem Boden des Kaffeehauses und rief laut die Parole "Change" in den Raum, dann versammelten sich alle, die sich am Handel beteiligen wollten rund um den "Ring" und begannen um den Preis zu schachern.

Aber die LME, die gerade ihren 131. Geburtstag feierte, hat nicht nur eine Vergangenheit sondern auch eine Zukunft. Vor allem der Rohstoffboom bescherte der altehrwürdigen Metallbörse in den vergangenen Jahren überdurchschnittliche Wachstumsraten. Allein 2007 wurden an der LME Terminkontrakte im Wert von 9, 5 Bill. Dollar gehandelt, noch einmal sieben Prozent mehr als im ohnehin schon guten Jahr 2006.

Für den Aufschwung ist zum einen die wachsende Nachfrage nach Rohstoffen aus Schwellenländern wie China oder Indien verantwortlich. Zum anderen entdecken immer mehr Finanzinvestoren wie Hedge-Fonds die Metalle als eigene Anlageklasse. Die Terminkontrakte der LME geben Spekulanten die Möglichkeit auf Kursbewegungen zu wetten, während sich Produzenten und Verbraucher gegen Preisausschläge absichern können.

Etwa 90 Prozent des globalen Handels mit so genannten Industriemetallen wie Kupfer, Aluminium, Blei, Nickel, Zinn und Zink - läuft über die LME. "Wir sind die einzige wirklich global aufgestellte Metallbörse. An uns kommt so schnell keiner vorbei", an Selbstbewusstsein mangelt es LME-Chef Martin Abbott nicht. Der ehemalige Wirtschaftsjournalist hat der Traditionsbörse nach seinem Amtsantritt im Oktober 2006 ein ehrgeiziges Wachstumsprogramm verordnet. Innerhalb von drei bis fünf Jahre will er das Handelsvolumen verdoppeln. Dazu soll zum Beispiel der vor wenigen Wochen eingeführte Terminkontrakt auf Stahl beitragen, den die LME gegen den Widerstand der Industrie durchsetzte. Produzenten wie Arcelor Mittal oder ThyssenKrupp fürchteten den Verlust ihrer Preissetzungsmacht und warnten, dass der Einstieg der Spekulanten zu erratischen Preisausschlägen führen könnte. Von solchen Bedenken will sich Abbott aber nicht bremsen lassen, mit Kobalt und Molybdän hat der LME-Chef schon die nächsten Metalle im Auge.

Aber auch in der Finanzbranche gefällt nicht allen das Tempo, das der LME-Chef vorlegt. Einige Mitglieder der Minor Metals Trade Association, die Händler, Produzenten und Lagerhäuser der Metallbranche vertritt, nimmt dem Vorstandschef übel, dass er die Gebühren um 20 Prozent erhöht hat, um seine Strategie umzusetzen. Die selben Kritiker monieren, dass sich die LME mit dem Parkett im Zeitalter des vollelektronischen Börsenhandels einen teuren Anachronismus leiste.

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