Nach dem Rücktritt von Richard „Dick“ Grasso steht die New Yorker Stock Exchange vor einer radikalen Reform
Börsenchef stolpert über Gehaltsaffäre

Der Chef der weltgrößten Börse New York Stock Exchange (NYSE) ist zurückgetreten. Der NYSE-Aufsichtsrat entzog Richard „Dick“ Grasso in einer Sondersitzung am späten Mittwochabend das Vertrauen.

NEW YORK. Der einstige New Yorker Politiker Carl McCall leitet als „führender Direktor“ die Suche nach einem Nachfolger. Er stellte gestern jedoch klar, dass er selbst nicht für das Amt zur Verfügung steht. Das Tagesgeschäft führen weiter die NYSE-Manager Robert Britz und Catherine Kinney, die direkt unter Grasso arbeiteten.

Der kalifornische Anwalt Larry Sonsini lehnte nach Medienberichten das Angebot ab, übergangsweise die NYSE-Führung zu übernehmen. Andere in Medien gehandelte Kandidaten wie der Ex-Finanzminister Robert Rubin und Ex-Chef der regionalen Notenbank von New York, William McDonough zeigten sich ebenfalls nicht interessiert. Das Board der NYSE (vergleichbar einer Kombination aus deutschem Aufsichtsrat und Vorstand) reagierte mit der Entlassung auf wachsende Kritik an Grassos üppiger Entlohnung. Grasso kassierte Ende August eine Einmalzahlung von 139,5 Mill. $. Diese Summe hatte sich während seiner 36-jährigen Dienstzeit, davon acht Jahre als Börsenchef, angesammelt. Allein 2001 verdiente Grasso mehr als 30 Mill. $. Damit übertraf er viele Chefs großer US-Aktiengesellschaften.

Die hohe Entlohnung löste einen Empörungssturm aus, dem sich zuletzt die drei größten US-Pensionsfonds und hochrangige Politiker anschlossen. „Grassos Verhalten erschüttert das Vertrauen der Investoren und das Fundament der Börse, statt ein ethisches Beispiel zu setzen für den Markt, den er reguliert“, sagte Senator und Präsidentschaftskandidat Joseph Lieberman.

Der Rücktritt dürfte nur der Auftakt sein zu einer grundlegenden Reform des 211 Jahre alten Aktienmarktes. Zentraler Kritikpunkt ist die Doppelrolle der NYSE: Einerseits soll sie Geld für ihre Makler verdienen und frisches Kapital für börsennotierte Unternehmen auftreiben. Andererseits reguliert die Börse sich und ihre Mitgliedsfirmen weitgehend selbst. „Beide Rollen passen nicht zusammen“, sagte die Direktorin des Rats Institutioneller Investoren, Sarah Teslik. Im Kreuzfeuer der Kritik steht auch die interne Struktur der NYSE. Sie ist als nicht-gewinnorientierter Verein organisiert und wird von Arbeitskreisen geleitet, deren Mitglieder oft in geheimer Sitzung entscheiden. Über Grassos Lohn entschied der Gehaltsausschuss der NYSE, dem die Vorstände großer Wall-Street-Banken angehören.

Mit Grasso verliert die NYSE auch einen Befürworter des altertümlichen Handelssystems. Trotz des Einsatzes hoch entwickelter Technik zählt die NYSE zu den letzten Börsen weltweit, bei denen so genannte Specialists jede Order per Hand abwickeln. Kritiker halten elektronische Systeme für überlegen.

Gestern trafen sich die Börsenhändler und Banken, denen als Inhabern der 1366 „Sitze“ (Anteile) die NYSE gehört. Sie sprachen unter anderem über den alten Vorschlag, die NYSE in eine gewinnorientierte Aktiengesellschaft umzuwandeln und selbst an die Börse zu bringen. Dieses Ziel hatte auch Grasso verfolgt, später aber verworfen.

Der 57-jährige Ex-Börsenchef wehrte sich bis zuletzt gegen seinen Rauswurf. Das geht aus der offiziellen NYSE-Erklärung hervor: „Ich habe dem Board heute mitgeteilt, dass ich – mit größtem Zögern und auf Wunsch des Boards – bereit bin, als Chairman und Chief Executive Officer zurückzutreten“, so Grasso. Nach Informationen des Wall Street Journals bat er selbst in der Boardsitzung um eine Vertrauensabstimmung. Sieben Mitglieder sprachen sich für ihn aus, dreizehn dagegen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%