Nachgefragt
„Die Sorgen sind übertrieben“

Fünf Fragen zum Thema Börsen- und Konjunkturentwicklung an Thomas Meyer, den Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank.

Herr Mayer, ist in den vergangenen Wochen irgendetwas passiert, was einen guten Grund dafür liefert, weltweit die Aktien in den Keller zu schicken?

Nicht in den harten Daten. Geändert hat sich vor allem die Einstellung der Marktteilnehmer. Sie sind plötzlich sehr unsicher geworden, wie die weltweite Straffung der Geldpolitik auf Inflation und Wachstum wirken werden.

Was heißt das konkret?

Zuerst haben ein paar nicht ganz so gute Inflationsdaten aus den USA die Angst geschürt, den Notenbanken könnte die Inflation davonlaufen. Das hat die Kapitalmarktzinsen nach oben getrieben und das wiederum hat den Aktieninvestoren Angst eingeflößt, weil zu hohe Zinsen Gift für die Konjunktur sind.

Sind diese Sorgen berechtigt?

Ich halte sie für übertrieben. Für ein wirkliches Inflationsproblem fehlt der beschleunigte Lohnauftrieb. Inzwischen hat sich diese entspanntere Sicht auch am Anleihemarkt durchgesetzt. Die langfristigen Zinsen am Anleihemarkt sind wieder deutlich gesunken.

Trotzdem fallen die Aktienkurse weiter.

Ja. Aus der Stagflationssorge, also der Angst vor einer Kombination aus Inflation und niedrigem Wachstum, ist eine klassische Konjunktursorge geworden. Die Investoren am Aktienmarkt haben Angst, dass die Notenbanken es mit der Straffung übertreiben und die Konjunktur damit abwürgen könnten.

Zu Recht?

Nein. Auch diese Sorge scheint mir übertrieben. Dafür ist es noch deutlich zu früh. Der Leitzins der Europäischen Zentralbank ist noch sehr niedrig, in den USA ist der Leitzins mit fünf Prozent nicht übertrieben hoch. Weltweit ist die Geldpolitik lediglich weniger expansiv geworden, aber noch nicht restriktiv. Auch ist der weltwirtschaftliche Aufschwung erst drei Jahre alt. In den letzten Zyklen lagen die Tiefpunkte jeweils sieben bis zehn Jahre auseinander. Eine gewisse Abschwächung in der Mitte des Zyklus wäre allerdings nicht untypisch. Ich vermute, eine solche Delle steht uns gerade bevor. Mehr aber nicht.

Die Fragen stellte Norbert Häring.

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