Nikkei-Verfall schockt die Japaner
„Das kann doch nicht noch billiger werden“

Nur noch knapp 200 Punkte trennen den Nikkei von seinem Tief aus dem Jahr 2003. Doch anders als damals steht die japanische Wirtschaft heute nach schmerzhaften Reformen eigentlich gut da. Warum die Japaner die Welt nicht mehr verstehen.

TOKIO. Eine ältere Dame steht in Tokio in der U-Bahn und notiert sich eine Telefonnumer von einem Werbeplakat. Das ist gar nicht so einfach, denn die U-Bahn schwankt so stark, dass die Dame sich immer mal wieder ganz plötzlich an der Stange festhalten muss. Aber die Telefonnummer ist ihr wichtig. In allen Wagen der Marunouchi-Linie sind über Nacht Reklamen des Investmentmanagers State Street Global Adisors aufgetaucht: "Gold kaufen ist ganz einfach!" Vielleicht wird die Dame am Montag ihre letzten Aktien verkaufen, um in Edelmetalle umzuschichten. Oder sie steckt das Geld in Bar unter die Matratze, wie es so viele Japaner derzeit tun.

Nippon steht ratlos vor einem Phänomen: Klar, Nikkei-Notierungen unter 8 000 Punkten gab es bereits. Doch der Stand vom Freitag liegt mit 7 649 schon ziemlich dicht an 7 607 Punkten. Das war der Tiefpunkt im Jahr 2003. Da lag das absolute Tal der Tränen in der schlimmsten Aufräumphase nach der eigenen Finanzkrise. Noch niedriger stand der Leitindex der 225 wichtigsten Tokioter Werte nur in der grauen Vorzeit der 70er-Jahre.

Aber diesmal hatte man doch alles richtig gemacht: Es gab schmerzhafte Wirtschaftsreformen. Die Konzerne sind entflochten und schlank aufgestellt. Die Löhne niedrig, die Zahl der Patente hoch, die Marktposition in Schwellenländern gut ausgebaut. Und jetzt das. Die Bilder aus den Handelsräumen zeigen schon kein Entsetzen mehr, nur noch Müdigkeit und Resignation. "Dieser Absturz ist wahrhaftig fürchterlich, völlig unfassbar", hatte Regierungschef Taro Aso schon vor einer Woche gesagt. Da stand der Nikkei noch 1 000 Punkte höher als jetzt.

Anlass für den jüngsten Einbruch gab der Elektrokonzern Sony. Der hat die Karten auf den Tisch gelegt und die Gewinnprognose halbiert. "Wenn das Sony-Ergebnis dermaßen schlecht aussicht, dann könnten auch die Zahlen anderer Unternehmen übel dastehen. Das hat die Investoren alarmiert, da kommende Woche die ersten Quartalszahlen bevorstehen", sagt Analyst Tsuyoshi Segawa von Shinko Securities. Die Zunft der Aktienexperten wollte sich gestern denn auch nicht auf eine Prognose für die kommende Woche festlegen lassen. "Da ist zu viel Psychologie im Markt, und viel hängt von Nachrichten aus den USA und Europa ab", sagt ein Ökonom.

Da hilft es wenig, dass die TV-Sendung "World Business Satellite" den Zuschauern versichert, dass es den Anlegern in anderen Weltgegenden auch nicht besser geht. Einen kleinen Trost hat der Moderator bereit: "Wenn Sie eine Auslandsreise machen, dann wird das jetzt billiger." Die japanische Währung stieg gegenüber dem Dollar und dem Euro am Freitag erneut im Wert. Das war es allerdings auch, was die Aktien zusätzlich in den Keller rasseln ließ. Denn die sinkenden Auslandsprofite tauchen in den Bilanzen japanischer Konzerne als noch dürftigere Beträge auf, wenn der Dollar fällt. Derzeit befindet er sich auf einem Dreizehnjahrestief zum Yen. "Diese Entwicklung schadet nicht nur den Unternehmensgewinnen, sondern auch den Kapitalinvestitionen und dem Arbeitsmarkt", sagen Analysten der Deutschen Bank.

In der Finanzwelt ist jede Veranstaltung zur Wirtschaftskrise plötzlich bestens besucht. Wenn Ökonomen dazu sprechen, was eigentlich gerade passiert, sitzen nicht nur Studenten im Publikum, sondern plötzlich auch Anzugträger aus der Finanzbranche. Es kommt immer die gleiche Frage: Wie geht es weiter? Privatanleger glauben zuletzt immer wieder, nun aber das Tief ausgemacht zu haben - und irrten sich. "Das ist doch jetzt so billig, das kann doch nicht noch billiger werden", glaubte beispielsweise die jung verheiratete Megumi Sakamoto vergangene Woche. Sie wollte in Fonds investieren. Diese Woche reagierte sie konsterniert auf den Anblick der Kurstafeln. "Wenn das so tief fallen kann, dann kann das auch immer noch weiter fallen." Sie will ihr Geld vorerst jedoch in den Aktien lassen. "Sonst mache ich ja einen Verlust."

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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