Reihenweise Fehleinschätzungen

Weit daneben ist auch vorbei

Alle Jahre wieder: Analysten geben Ende des Jahres ihre Prognose für das kommende ab. Die Vorhersagen sind so verlässlich wie das Horoskop in der Fernsehzeitschrift. In diesem Jahr lagen sie besonders weit daneben.
9 Kommentare
Handelssaal der Commerzbank: Die Strategen der Bank sahen den Dax bis Ende 2011 bei 8200 Punkten. Quelle: ap

Handelssaal der Commerzbank: Die Strategen der Bank sahen den Dax bis Ende 2011 bei 8200 Punkten.

(Foto: ap)

DüsseldorfEs war kein gutes Jahr für Aktionäre. Am Anfang stand der Dax bei 7000 Punkten, aktuell sind es 5900 Zähler - ein Minus von 16 Prozent. Zwischendurch tauchte er kurz unter 5000 Punkte ab.

Der Gründe für das schwache Börsenjahr sind schnell aufgezählt: Schuldenkrise, Schuldenkrise und noch mal Schuldenkrise. Erst Griechenland, dann Portugal und Irland, zuletzt wackelten auch Italien und Spanien. Ein Land nach dem anderen geriet in den Strudel. Die Investoren meldeten Zweifel an, ob alle diese Länder ihre Schulden noch zurückzahlen können. Die Angst vor einer neuen Finanz- und Wirtschaftskrise ging um. Sie ist noch nicht aus der Welt. In einem solchen Umfeld wagt kein Anleger große Investments, Sicherheit geht vor - auch wenn die Zahlen der Unternehmen noch sehr ordentlich aussehen.

All das ist nicht wirklich neu, es fällt schwer, sich zurückzuerinnern an eine Zeit ohne Krisengipfel, Hilfspakete und Stresstests. Das eigentlich Erstaunliche aber ist: Kein Experte hat diese Entwicklung vorhergesehen, jedenfalls keiner von den großen Banken.

Am Ende eines jeden Jahres befragt das Handelsblatt Banken und Analysehäuser, was sie für das kommende erwarten. Beim letzten Mal beteiligten sich 38 Geldhäuser von Rang und Namen. Als die Experten ihre Prognosen für 2011 aufstellten, waren sie sich sicher: An den Börsen geht es aufwärts. Im Schnitt lag die Schätzung für den Dax bei 7605 Punkten. Insgesamt sahen 35 Institute den Index über 7000 Punkten.

Am weitesten daneben lagen Société Générale und Royal Bank of Scotland mit ihrem Tipp, der Dax werde Ende 2011 bei 8300 Zählern stehen. Die Commerzbank schneidet mit 8200 Punkten nicht viel besser ab. Vielleicht war der Wunsch der Vater des Gedanken. Dass die eigene Aktie fast auf Pennystock-Niveau abrutschen würde, hätte bei der Commerzbank wohl auch keiner für möglich gehalten. Die Deutsche Bank erwartete den Dax zum Ende dieses Jahres bei 7500 Punkten.

Was taugen die Prognosen?
Seite 123Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Reihenweise Fehleinschätzungen - Weit daneben ist auch vorbei

9 Kommentare zu "Reihenweise Fehleinschätzungen: Weit daneben ist auch vorbei"

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Könnte ich in die Zukunft schauen, läge ich unter Palmen und säße mit Sicherheit nicht in einem langweiligen Büro... Anstatt mit Zahlenprognosen zu arbeiten, die zumindest eine Fortsetzung bekannter Trends voraussetzen, sollte vielmehr mit Szenarien gearbeitet werden. Problem: Bei Szenarien müßte das Publikum selbst denken, und wenn es sich dann gegen Aktieninvestitionen entscheiden würde, wäre das ganz schlecht für die Bank...

  • @ jostandf: guter Punkt!

  • Das ganze ist doch vom Ansatz her total bekloppt:

    Jeder Kurs, egal ob Aktie, Anleihe, Rohstoff beinhaltet doch bereits den Durchschnitt aller Zukunftsaussichten. Und was das angeht, haben die Börsen selbst ihre Prognosefähigkeit wieder erfolgreich unter Beweis gestellt.

    Aber:

    Aktienkurse zu prognostizieren hieße, die Erwartung der Marktteilnehmer vorherzusehen. Also sozusagen die Vorhersehung der Vorhersehung oder Vorhersehung zum Quadrat.

    Dass das nicht geht, weiss im Grunde jeder. Aber das Publikum will halt beschissen werden, und so befriedigen Herrscharen von gut bezahlten Analysten diese irrationalen Wünsche.

  • "Die Gründe für das schwache Börsenjahr sind schnell aufgezählt: Schuldenkrise, Schuldenkrise und noch mal Schuldenkrise."

    Was für ein Quatsch.

    Die Problematik der Ungleichverteilung und die daraus resultierenden Guthaben / Schulden hätten genausogut zu einem Boom auf den Aktienmärkten führen können: aus Inflationsangst. Genauer: Entwertungsangst.

    Zuerst werden Schulden und Guthaben entwertet,
    und anschließend können sich die Konsum-Pigs mit der Sicherheit ihrer wieder schuldenfreien Immobilie auf Pump erneut etwas leisten.

    Aktien- und Rohstoffpreise werden bei diesem Szenario stark steigen.

    Fazit:
    es ist nicht die aus der Ungleichverteilung resultierende "Schuldenkrise",
    sondern die brüning'sche Wirtschaftspolitik aus Schuldenbremse und "Sparen in der Krise", welche die Nachfrage abwürgt.
    mal abwarten, wie lange die Demokratie dieses mal durchhält ...

  • Wenn ich eine so schlechte Prognose-Qualität abliefern würde, wie unsere hochdotierten "Wirtschafts-Weisen", wäre ich längst arbeitslos.
    Da dies nun schon viele Jahre geschieht, kann ich mir nur vorstellen, dass mit den falschen Prognosen dem dummen Volk Sand in die Augen gestreut werden soll - und zwar absichtlich durch Regierungshandeln.

  • Es handelt sich doch in erster Linie um die Sehnsucht der Kunden nach Vohersehbarkeit. Noch bizarrer ist das ja im Währungssegment wo die Korrelation der Vorhersagen mt der Realität nachgewiesen 0 ist. Der Markt verlangt halt danach. Es soll ja auch Leute geben die den Humbug der Rating Agencies noche ernst nehmen und sogar in Gesetzen berücksichtigen, obwohl meines Wissens noch nicht eine einzige grosse Pleite von diesen Leuten verhindert oder auch nur vorhergesagt wurde, im Gegenteil wurden die Trends ja noch verstärkt und die Krisen damit erheblich ausgeweitet. Es wäre halt einfach mal wieder schön wenn die Banken und Versicherungen aber auch die Privatanleger mal wieder selber denken würden (auch wenn es schmerzt). Bei den Politikern habe ich die Hoffnung bereits aufgegeben. Die ergehen sich selbstgerecht im Sozialneidgefasel bis das Schiff gesunken ist.

  • Wenn man die Tief/Hoch Werte in Betracht zieht liegen leider schon Anfang des Jahres fast alle Banken falsch. Nur die National Bank hat einen Tiefwert von 5800 der unter dem jetzigen DAX Wert von 5889 liegt. Selbst im Orakel von Delphi waren sie wahrscheinlich besser. Na ja ihren Bonus bekommen die Banker ja bekannterweise auch ohne Leistungsnachweis.

  • Vorhersage

    Die meisten Experten verwenden lineare Modelle. Wenn im letzten Jahr irgend ein Wert um 10% gestiegen ist, dann wird dieser Trend einfach in die Zukunft weitergerechnet. Wenn der gleiche Wert um 10% gesunken ist, dann wird zusätzlich die Wunschtrommel angeworfen und von Trendumkehr gefaselt. Aktienkurse können immer nur steigen ist dabei der Wunsch.
    Beide lineare Modelle sind primitiv und deshalb nicht realistisch. Ein relistisches Modell ist in der Regel gar nicht möglich - die Zukunft ist und bleibt unbestimmt.
    Ein seriöser Unternehmer geht nicht zur Wahrsagerin, er geht aber zum Zukunftsforscher. Wer schon nicht mit dem Unbekannten leben kann, der sollte einfach für sein Horoskop möglichst wenig Geld ausgeben. Deshalb empfehle ich Wahrsagerin anstelle von Diplom-Ökonom.

  • Denn sie wissen nicht, was sie tun! Ich hebe mir gemeinerweise die Prognosen für das jeweils kommende Jahr auf. Damit rechnen diese Erbsenzähler und Analysten (mit dem Augenmerk auf den ersten 4 Buchstaben) natürlich nicht. Wie laufen die Prognosen ab? Man nehme zum Prognosezeitpunkt i. d. R. Anfang Dezember den DAX-Stand und multipliziere ihn mit 1,07 oder 1,08. Dann noch einen Korridor für die Hochs und Tiefs definieren und fertig ist der Schwachsinn. Wenn man sich dann noch die Borniertheit dieser Volkswirte vor Augen führt, kann einem ganz übel werden: so hat der "Chefvolkswirt" der Postbank 4 Tage nach Lehman den DAX zum Jahresende bei 8000 Punkten gesehen. Vermutlich legt er selbst sein Geld auf dem Sparbuch an, wie das Gros der PB-Kunden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%