Reihenweise Fehleinschätzungen
Weit daneben ist auch vorbei

Alle Jahre wieder: Analysten geben Ende des Jahres ihre Prognose für das kommende ab. Die Vorhersagen sind so verlässlich wie das Horoskop in der Fernsehzeitschrift. In diesem Jahr lagen sie besonders weit daneben.
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DüsseldorfEs war kein gutes Jahr für Aktionäre. Am Anfang stand der Dax bei 7000 Punkten, aktuell sind es 5900 Zähler - ein Minus von 16 Prozent. Zwischendurch tauchte er kurz unter 5000 Punkte ab.

Der Gründe für das schwache Börsenjahr sind schnell aufgezählt: Schuldenkrise, Schuldenkrise und noch mal Schuldenkrise. Erst Griechenland, dann Portugal und Irland, zuletzt wackelten auch Italien und Spanien. Ein Land nach dem anderen geriet in den Strudel. Die Investoren meldeten Zweifel an, ob alle diese Länder ihre Schulden noch zurückzahlen können. Die Angst vor einer neuen Finanz- und Wirtschaftskrise ging um. Sie ist noch nicht aus der Welt. In einem solchen Umfeld wagt kein Anleger große Investments, Sicherheit geht vor - auch wenn die Zahlen der Unternehmen noch sehr ordentlich aussehen.

All das ist nicht wirklich neu, es fällt schwer, sich zurückzuerinnern an eine Zeit ohne Krisengipfel, Hilfspakete und Stresstests. Das eigentlich Erstaunliche aber ist: Kein Experte hat diese Entwicklung vorhergesehen, jedenfalls keiner von den großen Banken.

Am Ende eines jeden Jahres befragt das Handelsblatt Banken und Analysehäuser, was sie für das kommende erwarten. Beim letzten Mal beteiligten sich 38 Geldhäuser von Rang und Namen. Als die Experten ihre Prognosen für 2011 aufstellten, waren sie sich sicher: An den Börsen geht es aufwärts. Im Schnitt lag die Schätzung für den Dax bei 7605 Punkten. Insgesamt sahen 35 Institute den Index über 7000 Punkten.

Am weitesten daneben lagen Société Générale und Royal Bank of Scotland mit ihrem Tipp, der Dax werde Ende 2011 bei 8300 Zählern stehen. Die Commerzbank schneidet mit 8200 Punkten nicht viel besser ab. Vielleicht war der Wunsch der Vater des Gedanken. Dass die eigene Aktie fast auf Pennystock-Niveau abrutschen würde, hätte bei der Commerzbank wohl auch keiner für möglich gehalten. Die Deutsche Bank erwartete den Dax zum Ende dieses Jahres bei 7500 Punkten.

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  • Könnte ich in die Zukunft schauen, läge ich unter Palmen und säße mit Sicherheit nicht in einem langweiligen Büro... Anstatt mit Zahlenprognosen zu arbeiten, die zumindest eine Fortsetzung bekannter Trends voraussetzen, sollte vielmehr mit Szenarien gearbeitet werden. Problem: Bei Szenarien müßte das Publikum selbst denken, und wenn es sich dann gegen Aktieninvestitionen entscheiden würde, wäre das ganz schlecht für die Bank...

  • @ jostandf: guter Punkt!

  • Das ganze ist doch vom Ansatz her total bekloppt:

    Jeder Kurs, egal ob Aktie, Anleihe, Rohstoff beinhaltet doch bereits den Durchschnitt aller Zukunftsaussichten. Und was das angeht, haben die Börsen selbst ihre Prognosefähigkeit wieder erfolgreich unter Beweis gestellt.

    Aber:

    Aktienkurse zu prognostizieren hieße, die Erwartung der Marktteilnehmer vorherzusehen. Also sozusagen die Vorhersehung der Vorhersehung oder Vorhersehung zum Quadrat.

    Dass das nicht geht, weiss im Grunde jeder. Aber das Publikum will halt beschissen werden, und so befriedigen Herrscharen von gut bezahlten Analysten diese irrationalen Wünsche.

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