Saalhändler
Die Tage am Parkett sind gezählt

Laute Rufe, hektische Armbewegungen, und ein auffälliger Look: Generationen von Saalhändlern prägten mit das Tagesgeschehen an einer der größten Getreidebörsen der Welt. Doch ihre Zeit am Chicago Board of Trade läuft ab – denn Angebot und Nachfrage treffen sich zunehmend woanders.

CHICAGO. Immer weniger Termingeschäfte laufen über die Männer mit den typischen Schirmmützen und knalligfarbenen Kitteln. Stattdessen treffen sich Angebot und Nachfrage immer öfter in der virtuellen Welt des elektronischen Echtzeithandels. Und der Beruf des realen Optionshändlers stirbt somit langsam aus.

„Für Kerle wie mich, die seit 35 Jahren auf diesem Parkett stehen, war die Aufgabe ein Geschenk Gottes“, sagt der auf Hafer spezialisierte Börsensaalhändler Jay Homan mit etwas Wehmut in der Stimme. Doch er gibt sich realistisch. „Wir wissen, die Märkte ändern sich. Und wir sind wahrscheinlich zu alt, um uns noch eine Nische zu suchen.“

Dabei kamen an Homan und seinen Kollegen von der CBOT über 160 Jahre in den USA kein Bauer, Großhändler und kein Unternehmen wie etwa ein Müslikonzern oder ein Hersteller pflanzlicher Öle vorbei. Mit Hilfe der Termingeschäfte für die verschiedensten Getreidesorten wie Mais, Soja oder Weizen sicherten sich die Unternehmen an der ältesten Terminbörse der Welt gegen unkalkulierbare Preisschwankungen ab und zahlten für diese Dienstleistung stets eine Kommission an den jeweiligen Händler. Doch die Möglichkeiten des elektronischen Datentransfers haben diese Art der Gebühren überflüssig gemacht – und damit auch die Aufgabe des Saalhändlers.

Der Wandel der Zeit ist in den Börsenständen der CBOT mit bloßem Auge zu erkennen: Allein im vergangenen Jahr hat sich die Anzahl der Getreide-Händler auf dem Parkett halbiert, bei manchen Sorten steht sogar nur noch ein Drittel der Händler im Saal. Und von denen, die geblieben sind, tragen die meisten mittlerweile einen kleinen Laptop wie eine Kette um den Hals, der sie mit dem elektronischen Datenmeer verbindet.

„Niemand macht sich hier etwas vor“

Noch deutlicher wird dieser stille Umbruch, wenn man sich die Verlagerung des Handelsvolumens an der CBOT ansieht. Als die Terminbörse vor knapp zwei Jahren ihren ersten elektronischen Marktplatz für einige Getreidesorten öffnete, wurden darüber weniger als zwei Prozent der Geschäfte abgewickelt. Heute sind es bereits etwa 80 Prozent - Tendenz steigend.

„Niemand macht sich hier etwas vor. Die Umsätze wandern in die Bildschirme“, kommentiert Glenn Hollander von der auf Getreide spezialisierten Kaufmannsfamilie Hollander & Feuerhaken, die an der CBOT seit vier Generationen ihre Geschäfte abwickelt. Das Parkett werde nur noch in kleinem Umfang für den Notfall existieren, wenn die virtuellen Marktplätze an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen oder zusammenbrechen sollten. „Es bleibt nur noch eine Nische,“ sagt Hollander.

Beschleunigt wurde dieser Trend im vergangenen Sommer durch den Zusammenschluss der CBOT mit der innerstädtischen Rivalin Chicago Mercantile Exchange (CME), die mit ihrem elektronischen Handelssystem Globex die Entwicklung zum virtuellen Handel in den USA maßgeblich nach vorne gebracht hat. Zusammen bilden beide Handelsplätze nun die CME Group(CME.N) – die größte Derivatebörse der Welt.

Für den erfahrenen Saalhändler Homan ist die neue Welt nichts. „Es gibt Leute, die nur darauf warten, sich neu zu erfinden und sich an die veränderten Bedingungen anzupassen“, sagt Homan mit Blick auf seine jüngeren Kollegen. Doch er werde seinen Kittel in den Schrank hängen und sich mit einem „Thank you“ von Ceres verabschieden. Von Ceres, der griechischen Göttin des Ackerbaus, deren Statue das Gebäude der CBOT in der LaSalle Street von Chicago krönt. Sie wird wohl noch eine Weile ihren Platz behalten. Reuters

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