Schwellenländer
Das globale Börsenfieber

An der Börse lässt sich wieder Geld verdienen. Die Anleger in New York, Frankfurt oder Tokio freuen sich seit Wochen über steigende Kurse. Doch ihre Gewinne sind nichts gegen den Boom, der sich fast unbemerkt am Rande der Welt abspielt. In den Schwellenländern geht es rasant aufwärts.

FRANKFURT. In den vergangenen drei Monaten ist der MSCI Emerging Markets, der Gradmesser für die Schwellenländer-Börsen, um deutlich mehr als 60 Prozent gestiegen. Eine so rasante Rally erlebte der Index noch nie in seiner 22-jährigen Geschichte. Zum Vergleich: Der MSCI World legte in den letzten 90 Tagen nur um rund 40 Prozent zu. Jetzt fragen sich die Experten, ob das so weitergeht oder die große Korrektur bevorsteht.

Die Bank of America geht davon aus, dass der MSCI Emerging Market Index "umgehend absacken" wird. Die langfristigen Aussichten rechtfertigten die Gewinne nicht. Auch Allan Conway, Schwellenländer-Experte bei Schroders, ist der Meinung, dass der derzeitige Optimismus an den Märkten unbegründet ist. Auf kurze Sicht hält er einen Rückschlag für wahrscheinlich. Allerdings sieht Conway im Gegensatz zu seinen Kollegen von der Bank of America langfristig große Chancen. Die Schwellenländer würden über die nächsten Jahre hinweg 70 bis 75 Prozent zum weltweiten Wachstum beitragen. Wichtige Treiber für diese Entwicklung seien die steigende Binnennachfrage und die sinkende Exportquote.

Conway ist ein Anhänger der Theorie, nach der sich die Volkswirtschaften der Schwellenländer abkoppeln und die Industrienationen überholen werden. Eine Theorie, die fast schon zu den Akten gelegt worden wäre, nachdem die Schwellenländer-Börsen im Sog der USA und Europas im vergangenen Jahr in die Tiefe rauschten - die Verluste in China, Russland oder Indien waren noch heftiger als an den Märkten des Westens. Nun kehrt sich der Trend um.

Ganz entziehen können sich die Schwellenländer der Wirtschaftskrise aber nicht. Die nackten Zahlen klingen zwar noch recht gut: Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert für die Schwellenländer ein Wachstum von 1,6 Prozent in diesem Jahr und vier Prozent im Jahr 2010. Die Wirtschaftsleistung der Industrieländer werde 2009 dagegen um 3,8 Prozent schrumpfen und nächstes Jahr stagnieren, heißt es beim IWF. Trotzdem sind die Zahlen nur schwer miteinander vergleichbar. Die Schwellenländer bräuchten ein viel höheres Wachstum, um gegenüber den Industrieländern aufzuholen.

Für Anlageberater gilt es deshalb stark zu differenzieren innerhalb der sehr unterschiedlichen Regionen. "Unter den verschiedenen Regionen ist Asien unser eindeutiger Favorit, dann kommt Lateinamerika, während wir in Osteuropa untergewichtet sind", sagt Jörg Zeuner von der Liechtensteinischen VP Bank. Große Hoffnungen setzen die Experten - wie bereits vor der Krise - auf China. Dort signalisiert den Volkswirten von Allianz Global Investors zufolge der zuletzt kräftig gestiegene Einkaufsmanagerindex die Wende zum Guten. Sollte sich die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt allerdings weniger erholen als angenommen, droht der Aktienmarkt einzuknicken.

Jörg Hackhausen
Jörg Hackhausen
Handelsblatt Online / Reporter
Christian Panster
Christian Panster
Handelsblatt Online / Ressortleiter Finanzen
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