Selbstversuch
50 000 Dollar für den Crashkurs Basar-Wirtschaft

Ein Finanzanalyst aus der Londoner City kündigt seinen Job und wagt ein Experiment - rund um den Globus will er sich mit Händlern und Verkäufern verschiedener Länder messen. Und das ganze nur, um einer Frage nachzugehen: Wer ist der beste Feilscher?
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DÜSSELDORF. Seit Tausenden von Jahren treiben die Menschen Handel - immer nach dem gleichen Prinzip: Der Verkäufer verlangt einen hohen Preis für seine Waren; der Käufer dagegen möchte so wenig wie möglich zahlen. Es wird zäh verhandelt, gefeilscht. Im Idealfall treffen sich beide in der Mitte. So läuft das Geschäft. Allerdings hat sich der Handel gewandelt; vieles läuft heute über das Internet, vollkommen anonym. Dort wird nicht gefeilscht, sondern geklickt.

Conor Woodman, Finanzanalyst in London, kennt den modernen Handel nur zu gut - jahrelang hat er daran prächtig verdient. Die ursprüngliche Form dagegen ist ihm vergleichsweise fremd. Er beschließt, ein Experiment zu wagen und kündigt seinen Job. Mit 50 000 Dollar reist er hinaus in die Welt, um sich mit Händlern ferner Länder zu messen. Wer ist der beste Feilscher? Von London nach Marrakesch, über Khartoum nach Lusaka, Johannesburg und Neu-Delhi. Später nach Toktogul und Taipeh.

In Südafrika kauft Woodman Rotwein, den er später in China feilbietet. In China zahlt er Tausende Dollar für Jade, die er bei einem Meisterschnitzer veredeln lässt und dann gewinnbringend in Taiwan loswerden will. In Kirgisien versucht er, den heimischen Pferdehändlern ein Schnippchen zu schlagen. Das Ziel: den 50 000-Dollar-Einsatz zu verdoppeln.Woodman hat seine Reise dokumentiert. "Bazar statt Börse - Meine Reise zu den Wurzeln der Wirtschaft" heißt das 316 Seiten starke Buch. Ein Reisetagebuch fast so exotisch und faszinierend wie die Reise selbst. Eine spannende und zugleich witzige Beschreibung der ältesten und ursprünglichsten Warenmärkte der Welt.

Dass Woodman am Ende Erfolg hat und seinen Einsatz verdoppelt, ist letztlich nebensächlich; für den Leser, aber auch für den Autor. Woodman schreibt leicht verständlich und für ein Wirtschaftsbuch geradezu erfrischend frech. Über die Menschen und über sich selbst. Der Leser bekommt eine Vielzahl interessanter Geschichten und Anekdoten von den verschiedenen Warenmärkten geboten.

In Kirgisien etwa schütteln sich Verkäufer und Käufer so lange die Hand, bis das Geschäft besiegelt ist. In der Zwischenzeit wird gefeilscht. Von Angesicht zu Angesicht. Wer loslässt, beendet die Verhandlungen, brüskiert aber gleichzeitig seinen Geschäftspartner. Woodman lässt los, weil sein Gegenüber ihn hintergehen will. Das Geschäft platzt. In Kirgisien zahlt Woodman Lehrgeld, ein Teil seines Einsatzes ist futsch, als er das Land verlässt. In Marokko läuft es dagegen besser. Auf dem Teppichmarkt in Marrakesch kommt es darauf an, dass jeder Teppich eine rührselige Geschichte hat. Nur so ist er für die Touristen interessant.

Dass die Geschichten in neun von zehn Fällen gelogen oder übertrieben sind, spielt keine Rolle. Das gehört zum Geschäft in Marrakesch dazu. Seit vielen Jahren. Woodman findet einen Teppich mit Geschichte. Und er findet Touristen, die ihm deutlich mehr dafür geben, als er selbst bezahlt hat. Lektion gelernt.

Christian Panster
Christian Panster
Handelsblatt Online / Ressortleiter Finanzen

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